Ausgabe: 10 / 2008
Seite: 34-43

Spieglein, Spieglein an der Wand

Von Ute Thon

Gleich zwei Ausstellungen in Berlin und Versailles - an Jeff Koons kommt derzeit keiner vorbei. Das Comeback eines großen Provokateurs, der eigentlich nur ganz lieb sein will

Das Universum Koons liegt hinter einer unscheinbaren Glastür in der 29th Street, am Rande von New Yorks Galerienviertel Chelsea. In einer labyrinthischen Flucht von Werkstätten und Lagerhallen sind fast 100 Helfer im Schichtdienst tätig, emsig wie die Arbeiterbienen.

Im ersten Raum starren junge Männer und Frauen angestrengt auf ihre Computer, isolieren Bildmotive und ordnen jeder winzigen Farbfläche eine Nummer zu. Nebenan werden Ölfarben gemischt, weiter hinten sitzen Leute auf Gerüsten und pinseln an großformatigen Gemälden mit Cartoonfiguren, nackten Frauen und Hummern, im nächsten Raum schleifen einige mit Mundschutz und Chirurgenhandschuhen an einem Delfinmodell herum, während sich vor einer Spritzkabine ein paar an einer Tausendfüßler- Skulptur zu schaffen machen.

Die Stimmung ist ernst: Hier wird nicht diskutiert oder rumgealbert, sondern streng nach Vorschrift gearbeitet. Die Stechuhr hängt im Gang.

Der Meister grüßt mit weichem Händedruck und geschäftsmäßigem Lächeln. Mit 53 wirkt Jeff Koons immer noch bubenhaft-faltenfrei. Reden tut er dagegen wie ein Prediger auf Prozac.

"Mein Werk ist Teil einer Philosophie.

Ich glaube, dass es noch zu meinen Lebzeiten alles offenbaren wird: die Einfachheit der Dinge, die Beseitigung aller Ängste und die Akzeptanz der Welt und von allem, was die Einfachheit des Seins blockieren könnte ..." Auch wer mit solchen New-Age-Mantras nichts anfangen kann, kommt dieser Tage um Koons nicht herum. Mit großen Ausstellungen in Versailles und Berlin, mit einer Retrospektive in Chicago und der spektakulären Skulpturenschau im Metropolitan Museum steht der New Yorker Künstler wieder voll im Rampenlicht. Bei Christie's erzielte seine "Balloon Flower"-Skulptur unlängst den Rekordpreis von 25,8 Millionen Dollar.

Keinem anderen Star der achtziger Jahre ist so ein fulminantes Comeback geglückt. Kein anderer löst aber auch so kontroverse Reaktionen aus. Für die einen sind Koons' schwebende Basketbälle, die überlebensgroßen Kitschfiguren in Oberammergauer Schnitztradition, die Pornoszenen in Muranoglas oder die monströsen Ballonhündchen aus Edelstahl Ausdruck eines komplexen kunsthistorischen Dialogs.

"Koons' Werk handelt vom Tod des Lebens und der Dynamik und Energie der Systeme, deren Bilder das Leben erzählen, verdichten, steigern, verniedlichen und brutalisieren", schwärmt der Schweizer Kurator Jean-Christophe Ammann. Amerikas Kritikerpapst Robert Hughes giftet dagegen: "Jeff Koons hat mit seinem großspurigen Geplappere über Transzendenz durch Kunst das schleimige Selbstbewusstsein eines aufgefönten Baptisten, der dir Sumpfland in Florida aufschwatzt.

Mit dem Resultat, dass man sich Amerikas verkommene Kultur nicht mehr ohne ihn vorstellen kann." Der französische Schrift stellerverband verlangte gar die Absetzung der Ausstellung in Versailles, weil sie "eine Beschmutzung unseres Kulturerbes" darstelle.

Dabei ist oft nicht auszumachen, ob sich die Kritik gegen Koons' Werk richtet oder gegen das System Koons, jene unverschämte Selbstvermarktungstaktik, mit der der Künstler den Kunstmarkt infiziert hat. Wer sich heute mit Jeff Koons beschäftigt, denkt automatisch auch an Geld und Größenwahn.

Derzeit plant er für den Vorplatz des Los Angeles County Museum eine Skulptur mit einer rund 225 Tonnen schweren Dampflok, die von einem Kran baumelt. Geschätzte Kosten:

30 Millionen Dollar - eine Weiterentwicklung jenes schrillen Projekts, mit dem er 2003 in Hamburg grandios scheiterte.

Hinter dem Künstler steht mittlerweile ein Kartell aus Powerplayern der Kunstwelt, darunter Großgalerist Larry Gagosian, Großsammler Eli Broad und Christie's-Eigner François Pinault, die mit Millioneninvestitionen die Produktion und Verbreitung seiner Arbeiten vorantreiben. Nachdem ihn die aufwendige Herstellung seiner Skulpturen in den neunziger Jahren beinahe in den Ruin getrieben hat, lässt Koons die Arbeiten nun durch ein verzwicktes System von Vorverkäufen finanzieren. Edelstahlplastiken wie das tonnenschwere "Hanging Heart" werden in verschiedenen Farben jeweils in Dreierauflage (plus einem Künstlerexemplar) hergestellt und kosten bis zu 30 Millionen Dollar - ein obszöner Preis für ein Multiple. "Der hohe Preis ist ein Schutz, der den Werken beim Überleben hilft", meint Koons dazu nur lapidar.

Zum System Koons gehört auch seine neueste Monografie im XXL-Format, ein mehrere Kilo schwerer Protzband zum Preis von 2000 Euro im Taschen Verlag, in dem sein Werde gang einmal mehr zur Legende verklärt wird. Die Geschichte vom Wunderkind aus kleinbürgerlichen Verhältnissen - Koons wurde 1955 als Sohn eines Inneneinrichters in Pennsylvania geboren und soll schon als Achtjähriger Bilder im Stil Watteaus gemalt haben; die Storys von seiner Studienzeit in Maryland und Chicago, wo er sich mit dem postsurrealistischen Maler Ed Paschke anfreundete; der Patti-Smith-Song ("Horses"), der ihn 1977 nach New York lockte; die Zeiten als Mitgliederwerber für das MoMA und als Börsenmakler an der Wall Street...

Die Kunstwissenschaft tut sich dagegen immer noch schwer mit Koons.

Sein Showman-Gehabe, das Kokettieren mit Kitsch und Trivialkultur, die Reverenzen an Dalí, einen der Unberührbaren der Kunstgeschichte, und vor allem sein blitzsauberer, strikt antiironischer Heilsanspruch an die Kunst sind vielen nicht geheuer. Bis heute hat keines der großen New Yorker Museen Koons eine umfassende Werkschau ausgerichtet. Auch Gary Tinterow vom Metropolitan Museum überließ ihm als Spielwiese nur den Dachgarten. Und wenn sich die New Yorker Kritiker doch mal zu einer lobenden Erwähnung durchringen, platzieren sie ihn in die seichteste Ecke der Popkultur, oder wie Jerry Saltz vom "New York Magazine" schreibt:

"Koons neuere Werke sind das skulpturale Äquivalent eines blendend polierten Abba-Songs." Den Künstler lassen solche Kommentare kalt. "In der Regel kann ich mit Kritik gut umgehen, ich schüttele sie ab und mache einfach weiter", sagt Koons. Mit dieser Mischung aus Beharrlichkeit und unerschütterlichem Selbstbewusstsein hat er die Party der Achtziger angeheizt und die Katerstimmung der Neunziger überlebt.

Ingrid Sischy, Ex-Chefredakteurin von "Interview", erinnert sich, wie sie dem jungen Jeff Koons Ende der siebziger Jahre erstmals begegnete - am Schalter des MoMA, wo er einen Aushilfsjob hatte: "Den Anblick werde ich nie vergessen.

Er trug ein denkwürdig schrilles Outfit - ich erinnere mich an rote Socken und rote Haare - und hatte eine bunte, aufblasbare Plastikblume um den Hals gebunden. " Damals hätte man ihn leicht als naiven Clown abtun können. Doch Koons überraschte mit erstaunlich vielschichtigen Ausstellungen.

1980 präsentierte er unter dem Titel "The New" Staubsauger in neonbeleuchteten Plexiglasvitrinen, eine Werkserie, die mit Marcel Duchamps Ready-made-Begriff und dem spröden Minimalismus Dan Flavins und Donald Judds spielt und gleichzeitig Amerikas Reinlichkeitswahn thematisiert.

Mit der "Equilibrium"-Serie, in Wassertanks schwebenden Basketbällen, Nike-Anzeigen und Bronzegüssen von Schlauchbooten und Sauerstoffmasken, nahm er dann Amerikas Sport- und Leistungsgesellschaft aufs Korn. Die konzeptuellen, sauber ausgeführten Arbeiten irritierten die New Yorker Szene. Denn die achtziger Jahre waren zunächst einmal die Zeit der neo-expressionistischen "Bauchmalerei" Julian Schnabels oder David Salles.

Koons wurde wegen seiner Verwendung von Alltagsobjekten und Werbemotiven dagegen oft in einem Atemzug mit "Appropriation"-Künstlern wie Richard Prince und Sherrie Levine genannt. Ein Vergleich, den der Künstler selbst nicht gelten lässt. "Ich komme mehr aus der Tradition des Readymade.

Mich interessieren die Ver knüpfun gen im Gewebe der Kunstgeschichte und das Vokabular anderer Künstler." Im Idealfall gelingt Koons diese Verknüpfung mit einer traumwandlerischen Sicherheit, die seine Skulpturen augenblicklich zu Ikonen der Gegenwartskunst macht. Etwa "Rabbit", seine spiegelnde Edelstahlplastik eines aufblasbaren Osterhasen von 1986, die zwischen Playboy-Bunny und Brancusi oszilliert und über die der 2003 gestorbene MoMA-Chefkurator Kirk Varnedoe schrieb: "Es ist einer dieser seltenen Treffer direkt ins Schwarze, ein Werk, in dem jede Menge Widersprüche (über den Künstler, über die Zeit) in einer schockierend trockenen Effizienz zusammengeschweißt sind zu einem unvergesslichen Guss." Etwas salopper formuliert es der britische Künstler Damien Hirst:

"Der Hase hat mich aus den Socken gehauen." Es spricht für Koons, dass er, der kaum den Dialog zu anderen Künstlern sucht, das Werk nachfolgender Generationen von Hirst über Takashi Murakami bis Maurizio Cattelan nachhaltig beeinflusst hat.

Unvergessen bleibt auch seine tabubrechende "Made in Heaven"-Serie mit der italienischen Pornodarstellerin Ilona Staller, alias Cicciolina, die Koons 1991 in der New Yorker Sonnabend- Galerie ausstellte. Rückblickend scheint das Timing perfekt. Zu jener Zeit tobte in Amerika ein Kulturkrieg.

Ausstellungen von Robert Mapplethorpe wurden wegen Pornografieverdachts abgesetzt, und die Aids-Epidemie warf ein düsteres Licht auf lustvolle Praktiken. Doch die Kritiker reagierten geradezu hysterisch auf Koons' frontale Sexattacke. Inzwischen war der überhitzte Kunstmarkt der achtziger Jahre zusammengebrochen, und jemand musste für die vermeintlichen Übel jener Zeit abgestraft werden.

Gleichzeitig markierte "Made in Heaven" den Tiefpunkt in Koons' Privatleben. Die kurze Ehe mit dem Pornostar endete in einem kostspieligen Rechtsstreit. Cicciolina hatte sich mit dem gemeinsamen Sohn ins Ausland abgesetzt, und Koons klagte jahrelang vergebens um das Sorgerecht.

Den Traum vom perfekten Familienglück hat er derweil dennoch wahr gemacht. Koons heiratete eine Studioassistentin und ist extrem stolz auf die vier Kinder, die er mit ihr hat.

Nun also werden Koons' Spielzeugtiere und Geschenkartikel in der oberen Halle der Neuen Nationalgalerie ausgestellt - im Vorzimmer der klassischen Moderne sozusagen.

Die "Celebration"-Serie sei ein Weg gewesen, mit dem verlorenen Sohn zu kommunizieren, erklärt der Künstler. Solch herzzerreißend eindimensionale Deutungsangebote können einen zur Verzweiflung treiben.

Doch das Faszinierende an den Skulpturen - denn trotz seiner akribischen Malanstrengungen ist Koons nur als Plastiker wirklich überzeugend - ist ihre anarchische Ambivalenz. Der über drei Meter hohe "Balloon Dog" erinnert eben nicht nur an Kindergeburtstage, sondern auch an alte Reiterstandbilder und monströse Sexspielzeuge.

Durch seine Größe wird das Niedliche zur Bedrohung, die spiegelnde Edelstahlhülle wirft uns ein Zerrbild zurück.

Vielleicht ist das das Geheimnis von Jeff Koons' glänzendem Comeback: dass sein hemmungsloser Oberflächenfetischismus alles zulässt - Spießigkeit und Statusdenken, sauberen Kitsch und schmutzige Gedanken.

Ausstellungen: bis 26. Oktober Metropolitan Museum, New York; bis 14. Dezember Schloss Versailles; "Der Kult des Künstlers: Jeff Koons - Celebration", 31. Oktober bis 8. Februar 2009, Neue Nationalgalerie, Berlin. Galerien: Gagosian Gallery, New York, Max Hetzler, Berlin

Bildunterschrift:

Die Vorlagen für fotorealistische Bildercollagen wie "Triple Elvis" (2008, 259 x 351 cm) entwickelt Jeff Koons am Computer

Kinderkram: An Gemälden wie "Play- Doh" (1995/2008, 334 x 282 cm) malen Koons' Assistenten oft jahrelang; sein über drei Meter hoher gelber "Balloon Dog" (1994/2000) ziert zurzeit den Dachgarten des Metropolitan Museum in New York

Das "Selbstporträt" aus Marmor (95 x 52 x 37 cm) ließ Koons 1991 in Italien herstellen

Die Porzellanskulptur "Pink Panther" (1988, 104 x 52 x 48 cm) brachte 1999 bei Christie's 1,8 Millionen Dollar

Powerplay: Koons im Atelier vor seinen neuesten Popeye- und Hulk-Bildern (Fotos:

Jason Schmidt)

Work in progress: Koons' Assistenten bearbeiten eine Tausendfüßler-Skulptur - als Vorlage dienen aufblasbare Schwimmtiere wie der Hummer ganz rechts

Die Kunstwissenschaft tut sich schwer mit Koons. Sein blitzsauberer, anti-ironischer Heilsanspruch an die Kunst ist vielen nicht geheuer

King of Kitsch meets Sonnenkönig: die Skulptur "Rabbit" (1986) - hier als Fotomontage - in den barocken Räumen von Schloss Versailles, wo derzeit eine Koons-Ausstellung läuft

Jeff Koons' hemmungsloser Oberflächenfetischismus lässt alles zu:

Spießigkeit und Statusdenken, Kitsch und schmutzige Gedanken

Vor dem Guggenheim- Bilbao wacht Koons' zwölf Meter hoher "Puppy" (1992) aus blühenden Pflanzen