Ausgabe: 10 / 2008
Seite: 48-55

New York und ich

Von Claudia Bodin

Irgendwann brachen sie auf, verließen Deutschland oder Österreich, um in der fernen Metropole als Künstler, Designer, Galeristen oder Kuratoren Fuß zu fassen. Es in New York zu schaffen ist ein ehrgeiziges Ziel, zumal die Stadt noch immer als das Zentrum der westlichen Kunstwelt gilt. Wir fragten erfolgreiche Exilanten nach ihren Erfahrungen

"Ich fühle mich frei" STEFAN SAGMEISTER 46, aus Bregenz, weltweit bekannter Grafik designer "Seit 15 Jahren lebe ich in Manhattan in der 14th Street und habe meine Heimat Österreich als Ort selten vermisst. Wenn New York nicht in Amerika wäre, würde ich nicht in diesem Land leben, ich bin wegen New York hier. Die Stadt hält im Großen und Ganzen, was das Klischee verspricht: Ich fühle mich relativ frei, schätze die Vielfalt der Möglichkeiten und der Menschen, die ich hier getroffen habe wie die Architekten David Rockwell und Rem Koolhaas, den Schauspieler Quentin Crisp oder Musiker wie David Byrne und Lou Reed.

Weil sie ursprünglich nicht aus New York kommen, sind die meisten Menschen hier freundlicher und offener für neue Begegnungen als in Europa. Dort erscheint es, wenn man die 30 überschritten hat, gar nicht leicht, neue Freundschaften zu schließen, weil viele immer noch mit ihren ursprünglichen fünf Schulfreunden engen Kontakt haben. Ich wurde in New York nie als zweitklassig behandelt, weil ich Ausländer bin. Mein Lieblingsbeispiel für den Wandel, der in dieser Stadt möglich ist, ist die Lebensgeschichte von zwei über 50-jährigen Druckern, mit denen ich früher arbeitete. Der eine wollte lieber klassische Konzerte organisieren, der andere Schauspieler werden - ein paar Jahre später hatte er sogar eine Sprechrolle in einem Film mit Robert De Niro. In Europa sind die Kulturen getrennter: Ein Drucker geht nicht in die Oper. Grafik hat nichts in einer Galerie zu suchen. Ich selbst hatte vor nicht langer Zeit eine Ausstellung in der Deitch Gallery in SoHo, obwohl ich keine Kunst mache. Ich visualisierte 20 meiner Lebensweisheiten mit Blumen, Bananen und Spinnweben. Es waren einfache, fast banale Maxime wie, dass Sorgen keine Probleme lösen, dass Mut sich auszahlt, auch wenn ich mich immer wieder überwinden muss. Mich interessieren Dinge, die in der Qualität hochstehend sind und die trotzdem jeder kennt wie das Empire State Building, auf das ich von meinem Bett, vom Schreibtisch und von der Dachterrasse im 15. Stock blicke. Vor einem Fenster baute ich 134 Miniatur-Empires auf, einige von ihnen überragen das Original optisch, sodass die Ikone in der Masse der Nachbildungen untergeht. Ich habe den größten Respekt vor Matt Groening, dem Erfinder der Simpsons, weil er es schafft, ein riesiges Pub likum mit Arbeiten von hoher Qualität anzusprechen. Mein absoluter Traum wäre es, mit Grafik das Gleiche zu erreichen, nämlich die Massen zu berühren."

"Die Eigenarten der Stadt verschwinden immer mehr" HENRIETTE HULDISCH 37, aus Hamburg, freie Kuratorin am Whitney Museum of American Art "Dass man mit so vielen talentierten, interessanten Leuten aus aller Welt zusammenkommt, ist für mich das Beste an dieser Stadt. Ich zog 1999 während der Amtszeit von Bürgermeister Rudolph W. Giuliani nach New York, als die Stadt schon nicht mehr als gefährlich galt, sondern zur Wohlstandsoase und Touristenattraktion wurde. Was leider auch damit einhergeht, dass die kleinen Mom-and-Pop-Läden verschwinden und dass sich die Mittelschicht die Mieten in Manhattan nicht mehr leisten kann. Die Eigenarten von New York verschwinden immer mehr zugunsten der gesamtamerikanischen Konsumentenlandschaft.

Ich wollte eigentlich schon immer in New York leben. Es war die Verwirklichung eines Traumes, nicht nur ein Karriereschritt. Inzwischen bin ich mit dem amerikanischen Künstler Andy Graydon verheiratet und habe einen kleinen Sohn, der sechs Monate bevor die diesjährige Biennale im Whitney Museum eröffnete, zur Welt kam.

Ursprünglich stamme ich aus Hamburg, in Berlin studierte ich Amerikanistik, Kulturwissenschaften und Philosophie und später an der NYU Filmwissenschaften.

Eigentlich hatte ich vor, in New York zu promovieren, aber dann bot man mir 2000 während meines Praktikums am Whitney einen Job an. Ich fing als Koordinatorin an und wurde vor vier Jahren zur assistierenden Kuratorin befördert. Seitdem betreue ich meine eigenen Ausstellungen. In diesem Jahr kuratierte ich gemeinsam mit meiner Kollegin Shamim M. Momin die Biennale.

Meine Promotion will ich nun nachholen, dafür ziehe ich im Herbst mit der Familie erst mal nach Berlin - den Wohnsitz in New York werden wir aber behalten."

"Manhattan entspricht meinem Wesen" KLAUS BIESENBACH 42, aus Kürten bei Köln, Kurator am Museum of Modern Art (MoMA)

"Ich habe einmal in München eine Ausstellung mit dem Titel ,Loop' gemacht. Es ging um Zeitschleifen. Die Ausstellung hatte viel damit zu tun, wie ich auf Kunst und das Leben blicke.

Wenn man die Welt als Schleifen denkt, macht es Sinn, dass ich am MoMA das Department für "time-based art" leite. Es hat mit Zeit zu tun und mit Künstlern, die Zeit abbilden. Dies zu verstehen ist eine Obsession von mir. Als ich 1989 während eines Aufenthaltes in New York die Bilder vom Mauerfall sah, ging ich nach Berlin. Dort startete ich die Kunst-Werke, später die Berlin Biennale. Bis 2004 verbrachte ich mehr Zeit in Berlin und unterwegs in der Welt als in New York, wo ich seit 1996 als Kurator am P.S.1 arbeitete. Seit 2004 bin ich nun am MoMA. In Berlin hatte ich immer den Eindruck, dass ich zu schnell war.

Manhattan entspricht eher meinem Wesen, hier habe ich einen normalen Zeitschlag. Das Interessante ist, dass man in New York nie wirklich ankommt. Die Traumatisierung des 11. September war eine Herausforderung für die Stadt. Der Umgang miteinander hat sich seitdem positiv verändert, ist freundlicher geworden. Aber das Teure lähmt die Stadt. Wenn die Lebenshaltungskosten, die Mieten etc. weiter ansteigen, wird irgendwann nichts Spontanes und Experimentelles mehr möglich sein."

"Die Amerikaner haben frappierend wenig Humor" JOSEPHINE MECKSEPER 44, aus Lilienthal bei Worpswede, Installationskünstlerin "Die Stadt prägt mich in meiner Kunst sehr, fast alle Arbeiten stehen im direkten Dialog mit New York. Die Schaufenster, das sich ständig ändernde Stadtbild - auch wenn New York konservativer geworden ist, bleibt es für mich die größte Fundgrube.

Einer der Gründe, warum ich Ende der achtziger Jahre nach Amerika zog, war, dass die Hochschule der Künste in Berlin ziemlich antiquiert und frauenfeindlich war. Die Distanz zu meinen deutschen Wurzeln war wichtig, um meine eigene Sprache zu entwickeln. Ich wechselte deshalb an das marxistisch angehauchte California Institute of the Arts bei Los Angeles. Während es in Berlin hieß, dass ich mich zwischen Malerei und Skulptur entscheiden müsste, ließ man uns an der Kunsthochschule in Kalifornien experimentieren. Ich fing dort an, Installationen zu machen, und zog 1992 nach New York, wo ich seitdem lebe. Nach meinem Studium hatte ich eine skeptische Einstellung zum Galeriensystem und zum Kunstmarkt an sich. Fast zehn Jahre arbeitete ich zurückgezogen in meinem Atelier in Little Italy, bis Künstlerfreunde mich dazu aufforderten, meine Gegenposition endlich aufzugeben. Sie schickten einen Kurator vorbei, danach verselbständigte sich alles: Ich nahm an der Biennale in Lyon teil, ein Jahr später an der Whitney-Biennale in New York. Das Dilemma, Teil des kommerziellen Kunstmarkts zu sein, mache ich seitdem oft zum Thema meiner Installationen. Jede meiner Ausstellungen hat eine Art Konsumkritik eingebaut. Mit meinen Arbeiten versuche ich auch Scheinrealitäten wie die nicht unmittelbar erlebbaren Kriege, die dieses Land führt, zum Ausdruck zu bringen. In Amerika wird jedoch die Ironie, die bei meinen Arbeiten eine wichtige Rolle spielt, kaum wahrgenommen. Es ist frappierend, wie wenig Humor die Amerikaner haben."

"New York ist nicht schnell, sondern hektisch" ANNABELLE SELLDORF 47, aus Köln, Architektin "Ich habe mit Galeristen wie David Zwirner, Iwan Wirth und Michael Werner gearbeitet und gerade das neue Gebäude für Barbara Gladstone in Chelsea gebaut. Als ich in Deutschland keinen Studienplatz bekommen hatte, zog ich Ende der siebziger Jahre nach New York, um am Pratt Institute zu studieren. Ich bewohnte ein Zimmer auf der Upper West Side ohne Fenster mit einem spartanischen Bett und einem großen Schreibtisch.

Was mein sonstiges Leben betrifft, hat sich gar nicht so viel verändert: Damals wie heute habe ich viel gearbeitet. Mit dem Unterschied, dass sich mein Büro inzwischen auf 40 Mitarbeiter vergrößert hat und dass ich viel auf Reisen bin. Was die Stadt für mich noch immer interessant macht, ist die Aufgeschlossenheit der Menschen. New York ist nicht schnell, wie man immer sagt, es geht eher langsam zu. Aber dabei ist es furchtbar hektisch, weil so vieles gleichzeitig passiert. Und es macht nie einer Pause. Architektonisch gesehen gab es noch nie eine so interessante Zeit, seit ich hier bin. Es entsteht viel Neues - internationale Architekten bauen endlich in der Stadt. Was nicht heißt, dass mir alles gefällt, aber die Architektur hier befindet sich auf einem neuen Niveau. Das Moment des Chaos in meinem Leben ist wichtig, weil ich sonst ein unerträglicher Stiesel wäre, New York entspricht meinem Sinn für Humor."

"Ich war am Anfang zu großkotzig" LEO KOENIG 31, aus München, Galerist "Seit zehn Jahren mache ich meine Galerie. Das Ganze läuft inzwischen wie eine Maschine, was bedeutet, dass ich nicht mehr so flexibel sein kann wie früher. Den Ehrgeiz, die nächste Gagosian Gallery zu werden, habe ich so nicht. Ich will alles langsamer angehen lassen, die Klappe nicht mehr so aufreißen und lieber im Laufe der nächsten zehn Jahre noch einmal einen richtigen Schub hinlegen. Früher kompensierte ich meine eigene Unsicherheit mit Großkotzigkeit. Nichtsdestotrotz: Meine Stärke ist sicherlich meine Besessenheit. Dass ich als Sohn von Kasper König, der das Museum Ludwig leitet, mit Künstlerpersönlichkeiten aufwuchs, hat mich geprägt. Ich habe eine vollkommen offene Haltung gegenüber allen Ideen. Nach New York kam ich 1997 direkt nach dem Abitur. Meine erste Nacht verbrachte ich im Loft von On Kawara. Ich erinnere mich noch genau, wie ich in meinem Bett lag, den Lärm auf der Greene Street hörte und dachte: Das ist meine Stadt. Bei David Zwirner und Paula Cooper verpackte ich als Praktikant Kunst und guckte zu, wie das Galeriengeschäft läuft. Ich war stur, ich war vorlaut, ich wusste alles besser: Ein Jahr später hatte ich meine eigene Galerie in Greenpoint in Brooklyn eröffnet. Mit meiner ersten Ausstellung verdiente ich gerade so viel Geld, dass ich die nächste finanzieren konnte. Nachdem ich die ersten größeren Geschäfte abgeschlossen hatte, zog ich nach Manhattan.

2005 begleitete mich ein Journalist vom "New Yorker" für sechs Monate, um ein Porträt über mich zu schreiben. Als er mich zu Hause besuchte, fragte er überrascht: ,Du fährst so eine große Schiene und wohnst in einem Loch?' Gerade bin ich dabei, zwei Häuser in Greenpoint zu kaufen. Der Underground ist in Brooklyn, wo wir damals angefangen haben, und da will ich wieder richtig mitmischen."

JÜRGEN FRANK (FOTOS)

Bildunterschrift:

Stefan Sagmeister auf dem Dach des Penthouses in der 14th Street, wo er lebt und arbeitet

Huldisch in einer Installation von Fia Backström: "Let's Decorate and Let's Do It Professionally"

Klaus Biesenbach im Museum of Modern Art (MoMA) - im Hintergrund sieht man den Neubau des Museums

Josephine Meckseper in ihrer Installation "Ten High" (2008) in der Galerie von Elizabeth Dee

Annabelle Selldorf im Konferenzzimmer ihres Architekturbüros beim Union Square

Leo Koenig, fotografiert auf einer Baustelle an der Ecke 23th Street/11th Avenue, in der Nähe seiner Galerie