Ausgabe: 10 / 2008
Seite: 8
Geburtslüge
Von
"Geometrisch, minimalistisch, cool" - Elke Buhr über die Rückkehr der abstrakten Kunst (art 8/2008)
Dass sie von den Nazis verfolgt worden wäre, ist die der gegenstandslosen Kunst nach 45. Obwohl sie ihre Funktion, die "freie Kunst" des Westens gegen den "verordneten sozialistischen Realismus" des Ostens als wertvoller zu behaupten, erfüllt hat, wird sie munter weitergetragen. Fakt ist: Weit mehr als 90 Prozent der in der Münchener Ausstellung "Entartete Kunst" von 1937 gezeigten Werke stammten von gegenständlich arbeitenden Künstlern wie Beckmann, Dix, Kirchner, Grosz, Schmidt-Rottluff usw. Was der Rassen ideologie der Nazis im Wege stand, waren nicht Farbwirbel oder farbige Quadrate, Dreiecke oder Kreise. Was sie abgrundtief hassten, war die Darstellung des Menschen in seiner ganzen Vielfalt, auch und gerade seiner Schattenseiten, Deformationen und Schwächen. Das war es, was der faschistischen Rassenlehre des blonden, blauäugigen Ariers grundlegend widersprach und deshalb "ausgemerzt" werden musste.
Wolfgang Ullrich, Gelsenkirchen
