Ausgabe: 01 / 2008
Seite: 113

Galeriebau mit optischen Tricks

Von Hans Pietsch

Architektur: Haus Rivington Place von David Adjaye in London

Das Ausstellungshaus Rivington Place ist ein bescheidener Bau, auf einem winzigen Grundstück im Ostlondoner Stadtteil Shoreditch, umgeben von trendigen Läden und alten Industrieanlagen. Doch von außen wirkt das jüngste Gebäude von Architekt David Adjaye merkwürdig monumental - höher und größer als es eigentlich ist. Das liegt zunächst einmal an den verwendeten Materialien: dunkler Beton mit tief eingeschnittenen Fenstern, manche wie Schießscharten, dazwischen glänzende schwarze Aluminiumplatten, die das Licht fast wie Glas reflektieren. Und auf dem Dach türmen sich Oberlichter wie große Sägezähne.

Hinzu kommt ein optischer Trick, mit dem Adjaye, einer der Shootingstars der internationalen Architekturszene, gearbeitet hat: Von außen sind acht horizon tale Fensterreihen zu sehen, also acht Stockwerke sollte man meinen. Doch innen sind es nur fünf. Geschickt spielt Adjaye mit den Ebenen. Da gibt es Etagen, auf denen man durch niedrig angebrachte Fenster auf die Straße blicken, aber auch durch höher liegende Fenster in den Himmel sehen kann. "Wir haben das Gebäude von innen nach außen konzipiert", erklärt der Architekt.

Zwei nicht ganz alltägliche Kulturorganisationen teilen sich diesen unspektakulären und doch raffinierten Galeriebau: das Institute of International Visual Arts (Iniva), das um die Anerkennung der Kunst ethnischer Minderheiten bemüht ist, und Autograph ABP, eine Non-Profit-Fotoagentur für Fotografen verschiedener Kulturkreise. "Für deren Zweck hätten wir eigentlich einen modernistischen Kubus bauen können", erklärt Adjaye, "doch dann kam uns die Idee, die Fassade zu perforieren." Eine Sowei-Maske aus Sierra Leone brachten den Architekten und sein Team darauf, den schlichten Baukörper mit tief liegenden Fenstern quasi zu durchlöchern.

Auch der Eingangsbereich wirkt wie in das Haus hineingeschnitten.

Hier befindet sich der große, zur Straßenseite hin ver glaste Ausstellungssaal. Zwei weitere Schauflächen sind in den oberen Etagen. Außerdem beher bergt der klug aufgeteilte Bau ei ne der Öffentlichkeit zugängliche Bibliothek, ein Auditorium, verschiedene Ateliers, ein Multimedia- Laboratorium, ein Café sowie etliche Büroräume.

Rivington Place, die erste neue öffentliche Kunsthalle Londons seit dem Bau der Hayward Gallery im Jahr 1968, hat rund acht Millionen Pfund (rund 11 Millionen Euro) gekostet. Das ist relativ wenig für ein Ausstellungsgebäude, auch wenn es "nur" 1445 Quadratmeter Gesamtfläche besitzt.

Die moderaten Kosten sind nicht zuletzt durch die billigen Materialien bedingt, die Architekt David Adjaye so liebt und die so gekonnt einsetzt: beispielsweise das beschichtete Aluminium an der Fassade oder die Sperrholzplatten in der Bibliothek.

Internet: www.rivingtonplace.org

Kasten:

David Adjaye, 41, gilt als einer der gefragtesten Architekten Großbritanniens (art 9/2005). Der in Tansania geborene Baumeister, der gern ungewöhnliche Farben und Materialien verwendet, eröffnete 2000 ein eigenes Büro in London. Nur sechs Jahre später wurde er mit einer Retrospektive in der Whitechapel Art Gallery geehrt, und im vergangenen Sommer erhielt er aus der Hand der Queen den Orden des Britischen Empires. Zu seinen viel beachteten Projekten gehört ein Wohn- und Atelierhaus für den Maler Chris Ofili in London (2004). Für das Nobel-Institut in Oslo hat er ein Bahnhofsgebäude in ein modernes Friedens- und Informationszentrum verwandelt (2005), und im vergangenen Jahr wurde in den USA das von ihm entworfene Museum für zeitgenössische Kunst in Denver eröffnet.

Rivington Place: tief eingeschnittene Fensteröffnungen an der Fassade, orginelle Fernsteranordnung im Inneren und eine Bibliothek mit Sperrholzregalen