Ausgabe: 01 / 2008
Seite: 121

Immobilien für die Verwandtschaft

Von Alfred Nemeczek

Der jüngste Jumbo-Foliant des Taschen-Verlags enthält den "göttlichen" Michelangelo erstmals komplett BUCH DES MONATS

Korpulenz und Opulenz dieses schwergewichtigen Wälzers im monströsen XXL-Format (44 x 29 cm) sollen seine Käufer überwältigen, und das tun sie. So haptisch, groß und suggestiv, so detailreich, farb-, gattungs- und materialgerecht sind die Bilder und Skulpturen des genialen Florentiners Michelangelo Buonarroti (1475 bis 1564) wohl noch nie zwischen Buchdeckel geraten. Und das, wirbt der Verlag, für "nur 150 Euro" pro Prachtexemplar. Mit einigem Recht. Denn die Michelangelo-Edition steckt sich noch kapitalere Ziele als ihr ebenso voluminöser Vorgänger-Band über Leonardo da Vinci von 2003. Ehrgeizig holt sie nach, was es noch nie gegeben hat: die wissenschaftliche Dokumentation sämtlicher Michelangelo- Werke in einem Band. In vier kritischen Katalogen reproduzieren die Fach-Autoren Frank Zöllner, Christof Thoenes und Thomas Pöpper jede erhaltene Arbeit des universell begabten Bildhauers, Malers und Architekten und unterziehen vor allem den mit Echtheitsproblemen belasteten Corpus der Zeichnungen erneut einer Revision.

Vorgeschaltet ist ein Lesevergnügen: Zehn spannende biografische Kapitel schildern den athletischen, asketischen, geizigen, wehleidigen und jähzornigen Renaissance-Heroen als "Ausdruckskünstler moderner Prägung", der als Erster die "ästhetische Autonomie" (Zöllner) des Kunstwerks konstatierte und sich, etwa beim grandiosen Figurenprogramm der Sixtinischen Kapelle, weder von Päpsten noch von Theologen dreinreden ließ. Und der als Freiberufler eine Geldgier an den Tag legte, die ihn zum Großgrundbesitzer machte. Aber Michelangelo, schon zu Lebzeiten als "il divino" (der Göttliche) verehrt, dachte dabei nur ans Wohl seiner unterversorg ten Verwandtschaft.

Frank Zöllner, Christof Thoenes, Thomas Pöpper: Michelangelo. Sämtliche Werke.

Taschen Verlag. 768 S., 1035 Abb., 150 Euro

Sixtinische Kapelle, Decken-Fresko, Rom (1509/11, Detail)