Ausgabe: 01 / 2008
Seite: 94
Auf der Bühne mit sich selbst
Von Hans Pietsch
LONDON: THE WORLD AS A STAGE
Die vom Theater inspirierte Ausstellung in der Tate Modern erklärt den Besucher zum Hauptdarsteller und lässt ihn dann allein. Die Ticketkontrolleurin am Eingang murmelt: "In zwei Stunden verblutet." Wie bitte? Doch dann fährt sie fort: "Tino Sehgal, This is New, 2003." Aha, der schwer fassbare Künstler war da! Und hat die Wärter angewiesen, sich eine tagesaktuelle Schlagzeile auszusuchen, um sie dem Besucher aufzusagen. Theater, in der Regel ein Gemeinschaftserlebnis vieler, so ist wohl zu folgern, kann auch zwischen einem einzelnen Performer und einem Zuschauer entstehen.
16 internationale Künstler untersuchen in der Ausstellung "The World as a Stage" in der Londoner Tate Modern den Schnittpunkt von Theater und Kunst. In Jeppe Heins "Rotierendem Labyrinth" (2007), zwei Reihen sich gegenläufig drehender Spiegelstelen, steht man mit sich selbst auf der Bühne und gerät in Schwindel. Auf der hölzernen "Arena" (1997) von Rita McBride kann sich der Zuschauer niederlassen, ohne dass es etwas zu sehen gäbe. Mario Ybarra Jr. hat einen Barbierladen nachgebaut, sehr schön, wenn da nicht der kalauernde Titel "Sweeney Tate" (2007) wäre - in Anspielung auf die Legende vom mordenden Barbier Sweeney Todd.
Und Pawel Althamer hat Anzug, Schlips, Aktentasche und Handy auf den Boden gelegt, bei seinem "Selbstporträt als Geschäftsmann" (2002/04) hat sich der Protagonist davongemacht.
Den Höhepunkt der Schau bildet Jeremy Dellers "Archiv des Kampfes von Orgreave": Der Film stellt den blutigen Zusammenstoß von Polizei und streikenden Bergarbeitern 1984 im nordenglischen Orgreave nach, dazu hat Deller Vitrinen mit Recherchematerial gefüllt.
Hier treffen Theater und Kunst zusammen, kommt Geschichte zum Leben.
Vieles ist nur anhand des Katalogs zu erschließen: dass etwa Renata Lucas mit "Der Besucher" (2007) mehr als den bloßen Blick aus dem Fenster inszeniert - er soll tatsächlich auf eine draußen angelegte Bepflanzung zielen. Als der Besucher die Ausstellung verlässt, sagt ein nun männlicher Türhüter seinen Sehgal- Spruch auf: "Beckham spielt wieder für England." Auch Fußball ist Theater!
Termin: bis 1. Januar 2008. Katalog: 12,99 Pfund.
Internet: www.tate.org.uk
Mario Ybarra Jr. erinnert mit "Sweeney Tate" (2007) an Mordgeschichten hinter heilen Fassaden
