Ausgabe: 01 / 2008
Seite: 107

Das Saatkorn ist aufgegangen

Von Susanne Altmann

Interview: Neo Rauch über sein Naumburger Kirchenfenster

Im spätromanischen Naumburger Dom wurden die neu gestalteten Fenster der Elisabeth-Kapelle übergeben. Der Leipziger Malerstar Neo Rauch hat die drei, nur rund 150 Zentimeter hohen Glaskunstwerke entworfen. Noch pünktlich vor Ende des Jubiläumsjahres der Heiligen Elisabeth von Thüringen (1207 bis 1231) bekam die Seitenkapelle, in der auch die älteste erhaltene Elisabethstatue (etwa 1235) steht, neue Glanzlichter aus rubinrotem Glas. art-Korrespondentin sprach mit Neo Rauch über Kirche, Kunst und seinen ungewöhnlichen Auftrag. art: Waren Sie überrascht, als das Domkapitel und der Stiftungsrat des Naumburger Doms bei Ihnen anfragten, ob Sie die Elisabeth-Fenster realisieren könnten?

Rauch: Ja, das war schon ein ungewöhnlicher Vorschlag, auf den ich aber gerne eingegangen bin. Ich bin ja auch Regionalist und freue mich, wenn in unserer mitteldeutschen Gegend einmal ein Saatkorn aufgeht.

Haben Sie wirklich ohne Honorar gearbeitet?

Für die Ewigkeit arbeite ich auch gern einmal umsonst.

Dann auch gleich die Gretchenfrage: Wie halten Sie es mit der Religion?

Ich gehöre keiner Konfession an, bin eher Pantheist und stelle fest, dass mich eine tief greifende Ehrfurcht vor der Schöpfung erfüllt, die sich mit den Jahren immer stärker ausprägt.

Für welche Motive haben Sie sich bei der Auswahl der Bildszenen aus dem Leben der Heiligen entschieden?

Ich habe versucht, drei Episoden in Form zu bringen, die sich auf eher alltägliche Konstellationen beziehen. In der einen bietet Elisabeth einem Bedürftigen ihren Mantel an und in einer zweiten wendet sie sich einem Kranken zu. Und dann gibt es die tragische Szene, als sie ihren Ehemann Ludwig IV. von Thüringen in den Kreuzzug verabschiedet, aus dem er nicht zurückkehren wird. Mit der Krankenpflege und dem Verlust des Mannes geht es also um archaische Schlüsselmomente in ihrer Biografie.

Gab es spezielle Herausforderungen?

Anfangs wünschte das Domkapitel auch eine Allegorie auf die Krönung Elisabeths durch die Jungfrau Maria. Das hätte ich nicht über den Pinsel gebracht. Ich hätte lediglich zwei junge Frauen malen können; die eine setzt der anderen die Krone auf. Mit dieser Ikonografie säßen mir so viele klassische Darstellungen im Nacken, dass die Gefahr des Ridikülen zu groß war. Doch die Auftraggeber haben meine Schwellenangst sofort akzeptiert.

Als Figurativer entsprechen Sie kaum den eher formalistischen Erwartungen an zeitgenössische Sakralkunst ...

Tatsächlich sind die aktuellen Werke in Kirchen überwiegend abstrakt: fließende Valeurs und Strahlenbündel. Das habe ich auch an den Werkproben der Glasfirmen bemerkt, die mir nach Bekanntwerden des Auftrags zugeschickt wurden. Weil man genau das in Naumburg nicht gewollt hat, sprach man mich an.

Neo Rauchs Kirchenfenster für die Elisabethkapelle im Naumburger Dom illustrieren drei Begebenheiten der Legende um die Heilige Elisabeth (1207 bis 1231), von links: "Verabschiedung", "Mantelspende" und "Krankenpflege". Alle drei Fenster messen rund anderthalb Meter in der Höhe

Der Naumburger Glasermeister Lutz Gärlich fertigte die Kirchenfenster nach den Entwürfen von Neo Rauch