Ausgabe: 01 / 2008
Seite: 95
Die Suche nach der Wirklichkeit
Von Tim Sommer
LONDON/HAMBURG: THE PAINTING OF MODERN LIFE /GESELLSCHAFTSBILDER
Zwei Ausstellungen in London und Hamburg stellen die Frage nach dem Gehalt der Malerei. Der Titel der Hayward- Schau "Die Malerei des modernen Lebens" bezieht sich auf den Dichter und Kunstkritiker Charles Baudelaire, der 1863 die Künstler seiner Zeit aufgefordert hatte, sich aus der Wunderwelt historischer Idealbilder zu lösen, um sich endlich der Realität zu widmen. Nach 1960, so die These von Kurator Ralph Rugoff, hätten sich die Künstler, nun in Abgrenzung zur Abstraktion, der Baudelaire'schen Forderung nach Lebensnähe entsonnen. Die Fotografie sei dabei auf völlig neue Weise verwendet worden:
"als Thema und Gegenstand zugleich, von Bildern, die zu Übersetzun gen von einem Medium ins andere wurden".
Alle Bilder der Schau, von Gerhard Richters weinender Jackie Kennedy über Vija Celmins Weltkriegsbomber bis zu Elizabeth Peytons Prinz-Harry-Ikonen, nutzen Fotos als Vorlage. Die Grenze zwischen dem öffentlichen Raum, wie ihn Medienbilder enthalten, und der privaten Sphäre von Familienfotos verschwimmt dabei - aber das ist keine neue Erkenntnis.
Auch die geduldige Pinselreflexion des Zwischenspeichers Fotografie wie bei den Fotorealisten wirkt in Zeiten möglicher Totalüberwachung, digitaler Handyknipserei und Photoshop-Manipulation rührend harmlos. Kurz: Der theoretische Überbau der Schau ist flach. Und auch die unglückliche Ordnung nach Themenkreisen von "Geschichte und Politik" bis "Freizeit und Alltag" hilft nicht weiter: Sie täuscht vor, die Malerei hätte sich in epischer Breite mit allen Bereichen des Lebens beschäftigt - was nicht stimmt: Wenn Peter Doig einen Skifahrer malt, ist damit noch keine Aussage zur Freizeitgesellschaft getroffen, Bilder aus der Arbeitswelt vermisst man hier gänzlich - es gibt sie auch kaum.
Rugoff führt die Malerei als schwaches, um Selbstverständnis ringendes Sekundärmedium vor, eine hoffnunglos langsame und altmodische Randerscheinung im Zeitalter der Bilderflut.
Was der Macht der Gemälde aber keinen Abbruch tut: Denn nicht die mediale Strategie entscheidet, sondern die spezifische Qualität, die Berührungskraft des einzelnen Bildes. Hier zeigt sich, wie sich das handgemachte Werk gegen die Technik behauptet - das in allen Abstufungen zu erleben, macht die Schau dann doch sehr sehenswert.
Yilmaz Dziewior fragt in seinen Hamburger "Gesellschaftsbildern" ganz dezidiert nach der politischen Dimension heutiger Malerei - freilich noch verklemmter als sein Londoner Kollege.
Denn einerseits gilt gerade die Malerei unter jüngeren Kuratoren als vom Markt korrumpiert und andererseits als irgendwie unterreflektiert und intellektuell fade.
So blutleer ist die Ausstellung auch geraten.
Politischer Gehalt macht sich einzig am Motiv fest: Von Eberhard Havekost nimmt man ein Bild mit rotem Stern, von Wilhelm Sasnal eines mit Juden und eines mit den Kontinentalplatten von Amerika und Europa. Es geht um Illustration und Behauptung, kaum je um Erfahrung und Nähe - oder wenigstens eine ironische Einsicht. Dierk Schmidt und Gunter Reski dürfen mitmachen, weil der eine Leinwand benutzt und der andere Farbe.
Schmidt behandelt das Berliner Stadtschloss, Reski die Sonnenbrille als "Burka des Westens". Zu sagen haben sie nichts.
Termin: London, Hayward Gallery, bis 30. Dezember, Katalog 22,99 Pfund, im Buchhandel 26, 99 Pfund.
Hamburg, Kunstverein, bis 30. Dezember. Internet: www.hayward.org.uk/painting, www.kunstverein.de
Das Interview mit Kurator Yilmaz Dziewior auf: www.art-magazin.de
Besucherin vor Gerhard Richters "Frau mit Schirm" (1964) in London (l.), Gemälde von Wawrzyniec Tokarski (alle 2007) im Hamburger Kunstverein
