Ausgabe: 01 / 2008
Seite: 112
Schrumpfpläne für die Insel
Von Heinz Peter Schwerfel
Kulturpolitik: Aus für Pariser Kunst- und Wissenschaftszentrum?
Eine "Insel der zwei Kulturen" sollte sie werden, die am westlichen Stadtrand von Paris gelegene Ile Séguin. Das hatte noch am 7. April 2006 eine vom damaligen französischen Präsidenten Jacques Chirac berufene Expertengruppe erklärt, der auch die Architekten Jean Nouvel und Christian de Portzamparc angehörten. Ein Zentrum für "Kunst und Wissenschaft des 21. Jahrhunderts" mit Ateliers, Forschungszentren und Ausstellungsräumen, so sah es der Plan vor, sollte auf der verlassenen, elf Hek tar großen Seine-Insel, einst Standort eines großen Renault-Werkes, entstehen.
Zusätzlich beschloss man für das Eiland den Bau von Eigentumswohnungen und einem Luxushotel, auch sollen ein Krebsforschungsinstitut und die Pari ser American University hierher ziehen.
Der damalige Premierminister Dominique de Villepin befürwortete diese Bauvorhaben und sagte dem "Centre Européen de Création Contemporaine" (CECC) die Hälfte der vorgesehenen Baukosten, rund 50 Millionen Euro, zu.
Die tauchen allerdings im Kulturbudget 2008 der neuen Regierung nicht mehr auf. Und die direkt unter der Fuchtel von Präsident Nicolas Sarkozy stehende Kulturministerin Christine Albanel verkündete unlängst, das Schicksal der Ile Séguin hänge von dem des Palais de Tokyo ab.
Findet die zusätzliche Erschließung des im 16. Bezirk gelegenen Zentrums für junge Gegenwartskunst zur Außenstation des Centre Pompidou wie erwartet statt, bleibt die Ile Séguin auf der Strecke. Neben den längst im Bau befindlichen Zwecknutzungen gä be es anstelle des erhofften CECC dann allenfalls einen bescheidenen Skulpturenpark auf der Insel.
Diese kleine Lösung befürwortet offensichtlich auch Präsident Sarkozy, nicht gerade als Freund der Gegenwartskunst bekannt.
Widerspruch gegen die Schrumpfpläne der Regierung hat bisher nur der oppositionelle Bürgermeister der zuständigen Gemeinde Boulogne-Billancourt gewagt.
Er drohte bei einer Veränderung des Nutzungsplans mit "administrativen Verzögerungen von mindestens drei Jahren". Solche Schikanen der Kommune sind nicht zu unterschätzen. Waren sie doch der Hauptgrund dafür, dass der Kunstsammler François Pinault (siehe oben) 2005 seine Pläne für einen großen Museumsbau auf der Seine-Insel aufgab.
Luftansicht der Seine-Insel Ile Séguin, die zu einem Kulturzentrum ausgebaut werden sollte
