Ausgabe: 01 / 2008
Seite: 109
Unzeitgemäße Weihehalle
Von Kito Nedo
Interview: Stefanie Endlich gegen Bundeswehr-Ehrenmal
Nachdem der Verteidigungsminister Franz Josef Jung die Pläne für ein zentrales Bundeswehr- Ehrenmal in Berlin bekannt gegeben hat, verstummen die Kritiker nicht mehr. Der Siegerentwurf des Münchner Architekten Andreas Meck erregt den Missmut der Fachwelt. In einem offenen Brief an die Regierung reklamierte der "Ulmer Verein", ein Verband für Kunst- und Kulturwissenschaften, "erheblichen Diskussionsbedarf".
Zu den Erstunterzeichnern gehörte Stefanie Endlich, Publizistin und Honorarprofessorin für Kunst im öffentlichen Raum an der Universität der Künste Berlin (UdK) und Autorin des Buchs "Wege zur Erinnerung. Gedenkstätten und -orte für die Opfer des Nationalsozialismus in Berlin und Brandenburg". art-Korrespondent sprach mit der Expertin Endlich über ihre Bedenken gegen das geplante Ehrenmal der Bundeswehr. art: Warum ist dieses Ehrenmal ein "Fremdkörper in der Berliner Erinnerungslandschaft"?
Endlich: All jene interessanten und kritischen zeitgenössischen Ansätze, die die Memorialkunst der letzen beiden Jahrzehnte geprägt haben, sind bei diesem Projekt völlig außer acht gelassen worden. Statt dessen wird auf eine pathetische Formensprache zurückgegriffen, wie sie 1993 beim Umbau der Neuen Wache Unter den Linden zur nationalen Gedenkstätte rea lisiert wurde. Auch beim Verfahren gibt es Parallelen:
Wie damals fehlen Transparenz und öffentliche Debatten um den Inhalt und die Gestaltung.
Ich hätte nicht gedacht, dass ein solches Vorgehen und ein solches Ergebnis sich heute wiederholen könnten.
Was stört Sie am Entwurf von Andreas Meck?
Der Entwurf lehnt sich unmittelbar an traditionelle soldatische Ehrenmale und Weihehallen an, wie man sie aus der Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg kennt. Die wie bei der Neuen Wache nun auch hier sakral konzipierte Halle mit einem Loch in der Decke, das die Verbindung von Himmel und Erde symbolisieren soll, entstammt dem Formenkanon des Totengedenkens.
Auch den Naturstein in der Mitte gab es früher in der Neuen Wache.
Unerträglich schließlich die dekorative goldene Außenhaut mit Ausstanzungen in Form halber Erkennungsmarken, was auf den Soldatentod anspielen soll - wohl schon im Blick auf zukünftige Auslandseinsätze der Bundeswehr.
Hinzu kommt noch diese absurde Schiebewandkonstruktion, die bei militärischen Zeremonien das Schließen des Ehrenmals zur Straßenseite ermöglicht.
Hier manifestiert sich auch ein eigenartiges Verständnis von Öffentlichkeit.
Welche Fehler hat das Ministerium gemacht?
Obwohl es ja um ein öffentliches Projekt geht, wurde nicht nach anerkannten Wettbewerbsregularien verfahren. In der sechsköpfi gen Jury war kein einziger Kunstsachverständiger vertreten.
Gegenwartskunst, die sich kritisch mit der Aufgabe auseinandersetzt, hatte keine Chance:
Das Preisgericht hat die Teilnehmer, über die sie juriert, selbst ausgesucht - auch das entspricht nicht den Regeln, wie sie auf Berliner und Bundesebene Usus sind. Ein weiterer Fehler war die Nichteinbindung von Öffentlichkeit und Fachöffent lichkeit im Vorfeld. Dies spiegelt sich im Ergebnis wieder: Wird der Diskussionsprozess unterdrückt, ist das Denkmal aber von Anfang an beschädigt.
UdK-Professorin Stefanie Endlich
Sieger-Entwurf des Münchner Architekten Andreas Meck
