Ausgabe: 01 / 2008
Seite: 119

Im Dienst des Wahlkampfs

Von Susanne Altmann

Moskau: Kunstzensur durch Kulturminister Sokolow

Die Kunstzensur in Russland hat eine neue Dimension erreicht. Während bislang gelegentlich übereifrige Zollbeamte provokative Bilder nicht ausreisen ließen (art 8/2007), griff kürzlich die Staatsmacht ein. Der russische Kulturminister Alexander Sokolow persönlich untersagte für 80 Werke die Ausreise nach Paris.

Dabei handelte es sich um Arbeiten der russischen Künstlergruppen "Blue Noses" und "PG" sowie um Stücke von Wjatscheslaw Sysojew, Maria Konstantinowa und Wladislaw Mamyschew-Monroe.

Die Werke sollten in der Ausstellung "SozArt. Politische Kunst aus Russland seit 1972" im Pariser "Maison Rouge" gezeigt werden.

Sokolow nannte die angeblich "pornografischen" und "blasphemischen" Inhalte dieser Arbeiten, eine "Schande für Russland".

Speziell das Bild "Ära der Nächstenliebe" (2005) von den "Blue Noses", das zwei sich küssende Milizionäre zeigt, erregte den Unmut des Kulturministers.

Außerdem befürchtete Sokolow, dass kurz nach dem Besuch des orthodoxen Patriarchen Alexej II. in Frankreich dort jetzt ein ethisch verwerflicher Eindruck von Russland entsteht.

Pikant an diesem Fall ist, dass alle betreffenden Werke bereits mit großem Erfolg und ohne offiziellen Einspruch Anfang 2007 während der Moskau-Biennale in der Staatlichen Tretjakow-Galerie in Moskau zu sehen waren.

Experten wie Marat Guelman (art 3/2007) sind entsetzt über Sokolows Einschreiten. Der Moskauer Galerist vermutet hinter dem Auftritt des Ministers ein Wahlkampfmanöver, schließlich profiliere er sich als Spitzenmann der Partei "Gerechtes Russland".

Zudem befindet sich Sokolow in Dauerfehde mit seinem Vorgänger Michail Schwydkoj, der heute als Chef der staatli chen Kulturund Filmagentur für derlei Kunstexporte zuständig ist.

Valentin Rodionow, der Leiter der Moskauer Tretjakow-Galerie, hat inzwischen Konsequen zen gezogen: Er verklagte Sokolow, weil dieser sein Museum "in den Schmutz gezogen" habe.

Russische Intellektuelle wie der Kunsttheoretiker Viktor Misiano dagegen warnen davor, den Skandal über Gebühr aufzubauschen.

Auch eine direkte Einflussnahme der orthodoxen Kirche auf die Kunst gäbe es nicht: "Die Kirche selbst hat kein Interesse an Spiritualität, sondern ist mit eigenen Machtkämpfen beschäftigt. Sokolow hat die Kirche nur instrumentalisiert." Der Eklat hat den russischen Künstlern nun zusätzliche Aufmerksamkeit verschafft. In Berlin waren die zensierten Bilder in der Galerie Diehl zu sehen. Alexander Schaburow von den "Blue Noses" resümiert: "Besser kann man die vaterländische Kunst gar nicht bewerben. Die Verkäufe steigen."

Termin: bis 20. Januar 2008.

Maison Rouge, Paris.

Internet: www.lamaisonrouge.org

Ausstellung russischer Kunst im Pariser "Maison Rouge"

Nicht in Paris: C-Print "Maskenschau 40" (2007) der "Blue Noses"

Entsetzt: Marat Guelman

Kläger: Valentin Rodionow