Ausgabe: 01 / 2008
Seite: 87
Revolution in Rot
Von Birgit Sonna
Eine Retrospektive zum 100. Geburtstag des Münchner Malers im Lenbachhaus MÜNCHEN: RUPPRECHT GEIGER
Ausgerechnet ein Care-Paket aus den USA löste nach dem Zweiten Weltkrieg Rupprecht Geigers Begeisterung für die Signalfarbe Rot aus: "Darin war ein Lippenstift für meine Frau, und den habe ich als Farbelement für ein abstraktes Bild benutzt", erinnert sich der Künstler. Initialzünder für die energiegeladenen in Rot aufflammenden Bilder seien zudem das rote Fahnenmeer der revolutionären Räterepublik 1918 sowie der leuchtende Pullover einer Amerikanerin im Trümmergrau des zerbombten München gewesen.
Das Münchner Lenbachhaus richtet Rupprecht Geiger, der am 26. Januar hundert Jahre alt wird, nun eine Retrospektive aus. Auf zwei Stockwerken wird sein künstlerischer Werdegang exemplarisch nachgezeichnet: angefangen von den in Russland entstandenen Landschaften (ab 1942) über die gleichsam schwebenden Farbrechtecke der siebziger Jahre bis hin zu den aus reiner Farbmaterie in Rot getragenen Meditationsbildern.
In einem Guinnessbuch der Kunstrekorde hätte der studierte Architekt einige Einträge verdient: Geiger war viermal bei der Documenta vertreten. Bereits 1947, Jahre bevor der Begriff der "Shaped Canvases" in Amerika für Furore sorgte, schuf er geometrisch unregelmäßig geschnittene Bildformate. Zur Intensivierung des Ausstrahleffekts seines Geiger- Rots, das der Künstler teils sprühte, teils malte, teils als reines Pigment auf Wände und Leinwand auftrug, setzte er seine Farbrechtecke und -kreise auch in überwältigende räumliche Korrespondenz.
Ungeachtet dieser Innovationen ließ der internationale Erfolg auf sich warten.
Das änderte sich erst mit seinem Beitrag für die Biennale von São Paulo 2002, wo Geiger mit vier Großformaten reüssierte.
Unterdessen haben jüngere Künstler das Erbe seiner Leuchtmalerei angetreten:
Sylvie Fleury etwa hinterlässt in Museen pudrige Pigmentwandflächen. Und Anselm Reyle prunkte unlängst im Palazzo Grassi in Venedig mit einer Farbwand in Neongelb.
Termin: bis 30. März 2008. Katalog: Werkverzeichnis der Druckgrafik, Prestel Verlag, 75 Euro.
Internet: www.lenbachhaus.de Weitere Ausstellungen:
"Rupprecht Geiger", Haus der Kunst, München, 25. Januar 2008 bis 18. Mai 2008; "Vasarely - Geiger - Bill", Grafische Sammlung, Museum Folkwang, Essen, 12. Januar 2008 bis 30. März 2008
Signalfarben mit politischen Untertönen: Geigers Installation "Neues Rot für Gorbatschow" (1989)
