Ausgabe: 01 / 2008
Seite: 93
Jeder Revolution aufgeschlossen
Von Heinz Peter Schwerfel
PARIS: GUSTAVE COURBET
Mit 120 Gemälden aus allen Werkphasen feiert Frankreich im Grand Palais einen der wichtigsten Maler des 19. Jahrhunderts. Es ist eine lang erwartete Übersichtsschau, und gleich im ersten Saal wird klar, warum Gustave Courbets Zeitgenossen Probleme mit ihm hatten:
Mal wurde er als Erfinder des Realismus, mal als berechnender Malerfürst von großbürgerlicher Eitelkeit kategorisiert.
Courbet genoss seinen frühen Durchbruch, kassierte den Spott der Tagespresse, reüssierte geschäftlich mit zahlreichen Auftragsporträts, wurde jedoch wegen seiner Teilnahme am Aufstand der Pariser Kommune 1871 verurteilt und ging schließlich ins Schweizer Exil, wo er 1877 ruhmlos starb.
In besagtem ersten Raum der gemeinsam mit dem New Yorker Metropolitan Museum erarbeiteten Ausstellung hängen 17 Selbstporträts aus den Jahren um 1840. Sie verewigen den 1819 geborenen Courbet als begnadeten Ich-Darsteller in den verschiedensten Rollen und Stimmungen - als romantisch verliebten, vor Angst erstarrten, Cello oder Gitarre spielenden, nachdenklich sinnierenden oder herausfordernd den Betrachter anstarrenden Schauspieler. Ein scheinbar exhibitionistischer Kraftakt, der eher zu einem Popkünstler als zu einem Realisten passen würde und in zwei berühmten, besonders dramatischen Varianten gipfelt: Courbet als Dahinsiechender mit Brustwunde ("Der Verwundete", 1844/54) und als arroganter "Mann mit Pfeife" (1849).
Keiner dieser Courbets kommt dem Maler wirklich nahe. Er malte keine psychologischen Studien, sondern Variationen auf Genreposen, gezielt provokative Etüden. Um die eigene Person und Herkunft hat der Künstler gern Geheimnisse gesponnen. Er nahm das Prädikat des volksnahen Realisten bereitwil lig an und versuchte zu verheimlichen, dass sein Vater ein wohlhabender Großgrundbesitzer war: Die Mischung aus bürgerlicher Feierlichkeit und echter Trauer, die er auf seinem berühmten "Begräbnis in Ornans" (1849/50) festhielt, war ihm aus eigener Erfahrung bestens vertraut. Auf einem Riesenformat von über sechs Metern Breite, wie es zuvor Historiendarstellungen und der Genremalerei vorbehalten gewesen war, heroisierte er den Alltag und banalisierte im selben Zuge die Malerei, indem er ihre Sujets entherrlichte.
Als "" hat Courbet sich selbst bezeichnet, vor allem aber als "Realisten", als "ehrlichen Freund der wahren Wahrheit". Diese malerische Wahrheit, die er parallel zu den Anfängen einer dokumentarischen Fotografie suchte und fand, übertraf manches Mal selbst die fotografische Realitätstreue, wie sein sicher berühmtestes Bild "Der Ursprung der Welt" (1866), die detaillierte Wiedergabe eines von Gesicht, Seele, Individualität befreiten weiblichen Unterleibs, vor Augen führt. Näher ist der Wahrheit auch lange nach Courbet kein Künstler mehr gekommen.
Termin: bis 28. Januar 2008. Katalog: 49 Euro, im Buchhandel (im Januar 2008, Hatje Cantz Verlag, in Englisch) 58 Euro. Internet: www.rmn.fr Weitere Stationen: 27. Februar bis 18. Mai, Metropolitan Museum of Art, New York; 14. Juni bis 28. September, Musée Fabre, Montpellier
Bei der Suche nach der "wahren Wahrheit" führt kein Weg am "Ursprung der Welt" vorbei: Besucher vor Courbets berühmtem Bild von 1866 (46 x 55 cm)
