Ausgabe: 01 / 2008
Seite: 81
Keine Ruhe für das kulturelle Kapital
Von Thomas Wagner
Auf der Suche nach immer neuen Blockbuster-Spektakeln vergessen die Museen ihre Kernaufgabe, findet : Durch Kunst den Umgang mit Fremdem lernen WAGNERS KOLUMNE
Hat der Name den entsprechenden Klang, taugt sogar ein Museum zum Exportartikel: Der Louvre macht es vor. Wer weiß, vielleicht wird statt Autos und Maschinen schon bald die europäische Idee des Museums in alle Welt geliefert? Tatsache ist, dass Kulturtrusts wie die Guggenheim Foundation ihre Bestände längst weltweit zirkulieren lassen und auf allen Kontinenten immer glamourösere Kunstpaläste entstehen.
Die alten, langsamen Museen werden von neuen, dynamischen Systemen abgelöst. Bloß kein Stillstand. Auch kulturelles Kapital darf nicht ruhen. Dabei scheint sich das Prinzip der Sammlung mehr und mehr aufzulösen und überzugehen in das der Ausstellung. Wo das Eingängige und das Allerneueste zur Schau gestellt werden, wird der historische Zusammenhang zum Ballast.
So stecken alle Kunstmuseen in der Zwickmühle. Sie sind vom Erfolg von Sonderausstellungen verwöhnt, und trotzdem droht ihnen das Kerngeschäft wegzubrechen: das Sammeln und die langfristige Pflege der Kollektion.
Nicht nur, weil Privatsammler mehr Geld investieren können und oft schneller und mutiger agieren. Größere Häuser werden das zwar noch eine Weile mit Spektakeln wie den "Franzosen in Berlin" zu kaschieren suchen, lange wird das freilich nicht gut gehen, zu exorbitant sind die Kosten, zu fragil die Werke und zu unkalkulierbar die Risiken. Man wird sich entscheiden müssen: Glaubt man an die Zukunft der Sammlung, oder geht man dazu über, als Kunsthalle mit angeschlossener Best-of-Häppchen- Abteilung und Depot zu überleben? Fest steht: Der Kampf zwischen dem zirkulierenden Kapital der Kulturindustrie auf der einen und der Qualität der realen Orte und singulären Werke auf der anderen Seite ist voll im Gange - und das Museum steht mittendrin.
Nichts, was das Museum betrifft, versteht sich noch von selbst. Gleichwohl überwiegen die Chancen. Denn in einer Gesellschaft, deren innere Bindungskräfte schwächer werden und die Gefahr läuft, in Parallelgesellschaften auseinander zu driften, ist das Museum einer der letzten Orte, an dem sich die Dinge ordnen und im Zusammenhang ihrer Geschichte wahrgenommen werden können. Mehr noch: Das Museum ist ein Ort, an dem sich der Umgang mit Fremdem und Fremdheit einüben lässt. Ja, es ist im Kapitalismus ein geradezu gefährlicher Ort, weil die hier versammelten Dinge gerade keine Waren und dem Konsumkreislauf entzogen sind. Keiner kann, was im Museum hängt, kaufen.
Es ist von ganz besonderem Wert. Weshalb werden in Abu Dhabi von Stararchitekten gleich mehrere Museen geplant, und weshalb braucht man das Gütesiegel des Louvre? Doch nicht, weil die ausgeliehenen Werke so außergewöhnlich sind, sondern weil das Museum die Identitätsmaschine der Gegenwart ist und Staaten wie die Arabischen Emirate nicht nur an die Waren- und Geldströme, sondern auch an die kulturellen Zirkulationen angeschlossen sein wollen. Die Kultur verschafft Reputation und garantiert einen Ort in der Geschichte.
Das Museum muss also nicht neu erfunden, aber neu "gelesen" werden. Eine Voraussetzung dafür ist: Wer all die fantastischen Objekte wieder zum Sprechen bringen will, muss selbst von diesen begeistert sein. Mit Enthusiasmus lässt sich vieles bewegen. Es gibt aber noch ganz andere Gründe, weshalb es lohnt, für das Museum einzutreten.
Als 1753 das British Museum, das erste nationale Museum der Welt, gegründet wurde, geschah dies, weil man eine gewisse Art von Bürgern bilden wollte. "Das Museum", sagt Neil MacGregor, der heutige Direktor, ist "das Ergebnis einer Vision, wie eine Gesellschaft organisiert sein sollte und wie man sie in die Lage versetzt, über sich selbst nachzudenken." Trotz Fernsehen und Internet - wenn es darum geht, wie die Bürger sich und die Welt sehen, dann steht das Museum in der ersten Reihe. Hier haben Informationen eine materielle und kulturelle Basis, hier entfalten Gemälde, Filme, Fotografien, Kannen und Kanus, Mythen und Matratzen ganze Lebensformen. Hier lässt sich erfahren, wie Menschen denken und fühlen, was sie ängstigt und was sie erfreut, hier werden Geschichten erzählt, die einst die Welt erklärten, und hier darf bestaunt werden, mit welchen Dingen sich nur ein Fürst schmücken konnte. Es bleibt nicht nur ein großer Traum des Jahrhunderts der Aufklärung, dass das, was uns verbindet, stärker ist als das, was uns trennt.
Die Emirate holen den Louvre nach Abu Dhabi - sie wollen an die kulturelle Zirkulation angeschlossen sein. Kultur verschafft Reputatation
