Ausgabe: 01 / 2008
Seite: 85

Meister der Täuschung

Von Gerhard Mack

Mehr als bunte Kästen: Der britische Künstler setzt sein eigenes Werk in Szene ROTTERDAM, ZÜRICH, MÜNCHEN, CHICAGO: LIAM GILLICK

Auf den ersten Blick wirken Liam Gillicks Kästen, Plattformen und Raumstrukturen aus Aluminium und leuchtendem Kunststoff so bedeutungsscheu, dass man sie sorglos schlendernd passieren möchte. So glatt, so schön, so harmlos scheinen die Objekte und architektonischen Gebilde zu sein, als sollten sie lediglich das Erbe der Minimal Art ins Lifestyle-Design retten. Doch der 1964 geborene und am berüchtigten Goldsmiths College ausgebildete "Young British Artist" der ersten Stunde ist ein .

Hinter der bunten Fröhlichkeit steht bei Gillick der Anspruch, Ideen zu präsentieren und Gedanken in Gang zu bringen.

Sind die knallbunt leuchtenden Raumstrukturen als eigenständige Skulpturen oder als architektonische Dekoration zu verstehen? Oder sollen sie einen Bühnenbereich begrenzen, der die Besucher zu Spielern macht? Dem Künstler ist es weniger wichtig, wofür wir uns entscheiden, als dass wir erfahren, dass ein und dasselbe Ding verschiedenen Wirklichkeitsebenen angehören kann. Und dass wir uns, je nachdem, wie wir es deuten, anders verhalten.

Diese Offenheit führt Gillick nun nochmals auf eine neue Ebene, indem er unter dem Titel "Drei Perspektiven und ein kurzes Szenario" drei Ausstellungen und ein Projekt in Rotterdam, Zürich, Chicago und München durch ein gemeinsames Konzept miteinander verbindet: Er zeigt einerseits Aspekte seines Werks der letzten 20 Jahre und stellt andererseits die ihm zugewiesenen Räumlichkeiten zur Verfügung, um sie durch andere Künstler und Kuratoren bespielen zu lassen. Er zieht sich damit auf die Rolle eines Moderators zurück, der den andern zu spielen erlaubt, ohne die Fäden aus der Hand zu geben.

In Zürich hat die Direktorin der Kunsthalle, Beatrix Ruf, diese Rollenzuweisung einerseits angenommen, andererseits aber den Ball zurückgespielt: Sie erteilte dem Künstler den Auftrag, eine Retrospektive seines eigenen Werks zu inszenieren. Gillick wird das Fotoarchiv seiner Arbeiten für einen Film einsetzen, zu dem eine Computerstimme die Texte des Künstlers spricht. Im Münchner Kunstverein wird ein Theaterstück die vielen Kollaborationen des Künstlers zum Gegenstand haben. Für Rotterdam hat Gillick eine filmische Retrospektive seines bisherigen Werks produziert und gibt dem Witte de With darüber hinaus seine eigenen Räume zurück, um für das Jahr 2008 geplante Projekte vorzustellen.

Termine: Witte de With, Rotterdam, 19. Januar bis 24.

März 2008; Kunsthalle Zürich, 26. Januar bis 30. März 2008; Kunstverein München, Juli bis September 2008; Museum of Contemporary Art in Chicago, voraussichtlich im Frühjahr 2009. Katalog: erscheint zur Ausstellung in Chicago. Internet: www.wdw.nl, www.kunsthallezurich.ch, www.kunstverein-muenchen.de, www.mcachicago.org

Versuch, Ideen zu präsentieren: Das Plakat (links) kündigt die Konzeptualisierung älterer Arbeiten wie dieser Deckeninstallation von 1997 an

Gillick-Karikatur:

Fröhlichkeit mit Anspruch