Ausgabe: 01 / 2008
Seite: 84
Traumhaft desolate Atmosphäre
Von Gerhard Mack
Eine Werkschau des israelischen Malers im Museum für Gegenwartskunst BASEL: AVNER BEN-GAL
Ein Paar kniet vor einem wandhohen Fenster und starrt auf die von draußen heranrollenden Wassermassen. Über einer Landschaft, die vielleicht ein Hurrikan verwüstet hat, schweben zwei abgeschlagene Köpfe. Die Gemälde "Tsunami" und "Plötzliche Not" (beide 2006 entstanden) sind typisch für das Werk des israelischen Malers Avner Ben-Gal: Seine Welt ist von Naturgewalten beherrscht oder aber von Menschen in ei ne Hölle verwandelt. Leere, Grausamkeit und Ausweglosigkeit, wohin man auch blickt.
Doch das Ungeheuerliche ist so allgemein, dass es bestenfalls gelangweilt registriert wird. Da waten auf dem Aquarell "Gang" (2000) fünf Typen im Blut, es trieft von ihren Händen und Kleidern, als hätten sie gerade ein Massaker verübt.
Dennoch stellen sie sich in ihren Schlaghosen und Rollkragenpullis auf wie für ein harmloses Familienfoto. Auf "Salzwasser" (2002) schüttet ein onanierender Mann eine Flüssigkeit auf die entblössten Brüste einer knienden Frau. Drei andere sehen ihm dabei zu.
Avner Ben-Gal wurde 1966 im israelischen Ashkelon geboren und lebt in Tel Aviv. Man ist versucht, die Atmosphäre der Bedrohung, die Selbstmordattentate und Kriege, die den Alltag in Israel bestimmen, in den Szenen dieser Bilder wiederzufinden. Jeder ist unter diesem Blickwinkel verdächtig. Der Mann, der der auf dem Bild "Öffentliches Telefon" (2006) in einer Telefonzelle steht, könnte mit seinen dunklen Haaren und dem langen Bart vieles sein: ein flüchtender Gefangener, ein Obdachloser, ein Junkie, ein Hippie.
Die Unbestimmtheit macht ihn unheimlich.
Seine Figuren besäßen "eine verborgene Seite, die enthüllt werden will", hat der Maler einmal gesagt.
Gleichwohl wäre es unangemessen, Ben-Gal auf die Darstellung einer israelischen Befindlichkeit zu reduzieren.
Die verwüsteten Landschaften und verschwimmenden Figuren schaffen eine desolate und traumhafte Atmosphäre der Angst und des Übergangs, wie sie überall entstehen kann. Diese fantastische Dimension will die Ausstellung, die Philipp Kaiser für das Museum für Gegenwartskunst konzipiert hat, mit zum Teil ganz neuen Bildern in den Blick rücken.
Zwischen Fantastik und trostlosem Realismus:
"Farmer" (2005, 70 x 70 cm) von Avner Ben-Gal
