Ausgabe: 01 / 2008
Seite: 70-73
Duell an der Donau
Von Almuth Spiegler Peter Rigaud David Seiler
In Wiens beschaulicher Museumsszene ist ein Wettrennen entbrannt: Die neue Belvedere-Chefin Agnes Husslein spannt Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder das Personal aus. Man buhlt um Großausstellungen und Sponsoren. Die Platzhirsche gehen in Stellung - mit Handkuss und modernen Managementmethoden
Es ist der unübersehbare, vorläufige Höhepunkt einer Konkurrenz, die die Wiener Museumsszene wohl auch weiterhin in Atem halten wird: Sowohl im Belvedere wie auch in der Albertina wird es im Frühjahr große Kokoschka-Ausstellungen geben (siehe auch Seite 86) - ein besonderes Geschenk für die Fans des expressionistischen Malers. Für die beiden ehrgeizigen Museumsdirektoren gestalteten sich die Ausstellungsvorbereitungen jedoch zum beinharten Wettrennen um die Vorrangstellung in Sachen österreichischer Moderne, das letztlich im satten Patt der zeitlichen Überschneidung beider Ausstellungen endete. Und, so hört man, in einem versöhnlichen Gespräch der beiden Direktoren.
Mit Agnes Husslein und Klaus Albrecht Schröder sind zwei neue Kontrahenten auf Augenhöhe in den großen Wiener Museumspalästen in Stellung gegangen. Seit seiner fulminanten Wiedereröffnung der lange geschlossenen Albertina 2003 beherrschte zunächst der brillante Rhetoriker und strahlende Quotenkönig Schröder das glatte Museumsparkett. Doch bereits in ihrem ersten Jahr als Belvedere- Chefin hat ihn die berühmt-berüchtigt zielstrebige Husslein ordentlich ins Schwitzen gebracht. Ein spannendes Duell also, das auch von den Biografien der beiden Konkurrenten österreichischer nicht sein könnte: Die bestens international vernetzte Aristokratin mit tiefer Verwurzelung in der österreichischen Kunstgeschichte - Hussleins Großvater war Herbert Boeckl, "Österreichs Cézanne" - und einstiger Nähe zur konservativen Volkspartei fordert den aus einer Linzer Bürgersfamilie stammenden, im marxistischen Wiener Studentenmilieu sozialisierten und mit Sponsorenhilfe der Privatwirtschaft groß gewordenen Selfmademan heraus. Und zwar nicht gerade mit Samthandschuhen.
Mittlerweile haben schon sechs Mitarbeiter von der Albertina in das von Husslein personell neu aufgestellte Belvedere gewechselt, Schröders ehemaliger Vize Alfred Weidinger ist jetzt Hussleins Stellvertreter und zugleich Chefkurator. Die Leiterinnen von Marketing, Fundraising und Shop mit fast gesamter Belegschaft liefen genau so über wie eine Mitarbeiterin der Presseabteilung. Über Hussleins Personalpolitik soll sich Schröder im Ministerium sogar schriftlich beschwert haben. Was er heute nachdrücklich dementiert.
Und Husslein holt sofort zur Verteidigung aus: "Wenn sich Mitarbeiter der Albertina bei mir bewerben, warum sollte ich sie dann von der Tacke stoßen?" Die Zahl von 25 Personen, die seit ihrem Antritt das Belvedere verlassen haben sollen, kommentiert sie dagegen gar nicht weiter.
Neben derartigem Personalgerangel wird Schröder durch Husslein aber auch in seiner bisher unangefochten Spitzenposition als Sponsorkönig in Bedrängnis geraten. Immerhin kann er sich seit Eröffnung der Albertina rühmen, 18 Millionen Euro aus der Privatwirtschaft eingeworben zu haben.
Doch Husslein ist als Gründerin und langjährige Leiterin von Sotheby's Wien ebenfalls bestens vernetzt und gesellschaftlich genau so umtriebig wie ihr Kollege. Beide sind bekannt für ihre glamourösen Fundraising- Dinner, über beide existieren Dutzende Homestorys, aus denen man weiß, wie Kinder, Ehepartner und Hunde der beide Anfang 50-jährigen Kunsthistoriker heißen. Plötzlich tritt sozusagen Hussleins Zwergschnauzer "Harry" gegen Schröders Whippet "Merlin" an.
"Natürlich fischen wir in Österreich alle im selben See. Aber ich versuche auch beim Sponsoring andere Wege zu erschließen", beschwichtigt Husslein aber schnell die Frage nach vielleicht bereits der Albertina abspenstig gemachten Großsponsoren.
Und setzt dann doch nach: "Dass das Belvedere jetzt auch ein Player geworden ist, ist für Schröder aber sicher eine neue Situation, mit der er erst fertig werden muss." In beiden Häusern wird jedenfalls aufgerüstet, was das Zeug hält.
Im immer stärker werdenden Wettbewerb der Museen um internationale Leihgaben wähnte man Husslein dank der hochkarätigen Belvedere-Gemäldesammlung mit "härterer" Tauschware ausgestattet als Schröder, der die empfindliche Grafik im Albertina- Depot mehr schützen als verleihen sollte. Doch der scheint dieses Manko durch den größten Coup seiner bisherigen Karriere vorläufig zumindest wieder wettgemacht zu haben: Im Frühjahr 2007 bekam die Albertina die rund 500 Werke umfassende Kunstsammlung des Liechtensteiner Anwalts Herbert Batliner für erst einmal zehn Jahre überlassen, darunter kostbare Gemälde von der Klassischen Moderne bis heute. Diese Leihgaben sind von Schröder dringend benötigtes Futter, um auch seine neuen Ausstellungshallen weiterhin ähnlich prominent füllen zu können und seine hohen Besucherzahlen zu halten.
Bei den signifikanten baulichen Maßnahmen und dem offensiven Marketing versuchte wiederum Husslein gleichzuziehen: Wie Schröder es schon mit der Namensverkürzung der einstigen "Graphi schen Sammlung Albertina" auf das besser vermarktbare "Albertina" vorzeigte, machte auch Husslein den Namen "Österreichische Galerie Belvedere" mit "Belvedere" international kompatibel - beide Museen gründen übrigens gerade nach dem Guggenheim- Modell illustre Fördervereine in den Vereinigten Staaten.
Wie Schröder, der das Albertina- Palais aushöhlen ließ, um drei große, moderne Ausstellungshallen zu gewinnen, nahm auch Husslein in ihrer zwar feudaleren, aber etwas abseitiger gelegenen Schlossanlage prägnante Veränderungen vor. So drehte sie die seit Jahrzehnten gewohnte Aufteilung einfach um, ließ das Untere Belvedere vom Architektenteam Kühn/Malvezzi zum Sonderausstellungszentrum adaptieren und konzentrierte alle ständigen Schausammlungen rund um Klimts "Kuss" im Touristenmagneten Oberes Belvedere.
Derlei Eingriffen ins Althergebrachte begegnet die orthodoxe Wiener Kunsthistorikergemeinde natürlich mit herber Kritik. Das wiederum vereint Husslein und Schröder. Beide verkörpern sie eine neue, amerikanisierte Form des Museumsmanagements, fern der zurückgezogenen, elitären Noblesse einer alten Wiener Museumsdirektoren- Generation. Schröders "Befreiung" der Albertina vom Spezial- zum Universalmuseum wurde ihm ziemlich übel genommen, ebenso seine schreierischen "Quoten"-Ausstellungen wie "Monet bis Picasso". Hussleins Schließung des "Barockmuseums" und die Übersiedlung dieser Sammlung als eine unter vielen ins Haupthaus sorgte vorhersehbar für einen Aufschrei; ihr bereits aus dem Salzburger Museum der Moderne oder Sotheby's bekannter, bestimmter Führunsgsstil - "Wenn ich was will, will ich das" - stößt ebenfalls vielen sauer auf.
Was Husslein anscheinend wirklich nicht will - sie dementierte jedenfalls sofort und im Brustton empörter Überzeugung - ist die Nachfolge des mächtigsten Wiener Museumsdirektors anzutreten und Wilfried Seipel Ende 2008 als Generaldirektor im Kunsthistorischen Museum (KHM) zu beerben. Mit diesem Dementi ist sie allerdings bei weitem nicht allein.
Fast könnte man annehmen, dass sich bis Ende März, wenn die Kunstministerin Claudia Schmied von der SPÖ ihre Entscheidung - ohne Findungskommission! - gefällt haben will, gar kein internationaler Kapazunder für diesen Spitzenposten bewerben wird.
Max Hollein, Direktor der Frankfurter Schirn und des Städel-Museums?
Steht nicht zur Verfügung. Und Martin Roth, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, winkt ebenfalls ab.
Auch Klaus Albrecht Schröder, diversen Expansionsplänen eigentlich nie abgeneigt, will auf keinen Fall die Albertina verlassen und nutzt die Gelegenheit eher zum Angriff auf das KHM: "Es ist nicht mein Lebensziel, immer Häuser im Augenblick ihrer tiefsten Krise zu übernehmen", ließ er über die Medien ausrichten. Wenn Seipel Ende 2008 als einer der längst dienenden Museumsdirektoren Mitteleuropas in Pension gehen wird, ist das allerdings nur der Beginn eines für die langatmigen Wiener Verhältnisse fast schon radikalen Personalwechsels an den Museumsspitzen: Denn 2009 wird wohl auch Peter Noever vom MAK (nach unglaublichen 23 Jahren) und gefolgt 2010 von Edelbert Köb vom MUMOK in den Ruhestand treten müssen. Dann wird es Zeit für einen Stellungswechsel der Wiener Platzhirsche.
Auf Augenhöhe: Belvedere- Chefin Agnes Husslein und Albertina-Chef Klaus Albrecht Schröder in ihren jeweiligen Häusern
Agnes Husslein, 53, studierte Kunstgeschichte und Archäologie an der Universität Wien und an der Sorbonne in Paris. Die promovierte Kunsthistorikerin war Geschäftsführerin von Sotheby's Österreich, Director of European Development des Guggenheim Museum und Direktorin des Rupertinums in Salzburg, bevor sie 2007 die Leitung des Belvedere übernahm. Die barocke Schlossanlage beherbergt eine bedeutende Kunstsammlung von Gotik bis Moderne mit Schüsselwerken von Schiele und Klimt.
Klaus Albrecht Schröder, 52, wuchs in Linz auf und studierte Kunstgeschichte und Geschichte in Wien. Nach einem kurzen Abstecher in die Kulturverwaltung der Stadt leitete er von 1988 bis 2000 das Bank-Austria-Kunstforum Wien. Daneben fungierte er als Herausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift "Kunstpresse". 2000 wurde er zum Direktor der Albertina. Durch Um- und Ausbau verwandelte er die angestaubte Grafiksammlung Alter Meister wie Dürer und Rembrandt in ein populäres Museum.
Husslein und Schröder verkörpern einen neuen Managementstil fern von elitärer Noblesse
ALMUTH SPIEGLER
