Ausgabe: 01 / 2008
Seite: 82-84

Schwelgerischer Bilderstürmer

Von Michael Kohler

Das Museum Ludwig beschreitet den langen Weg zur universalen Harmonie KÖLN: PIET MONDRIAN

Seit jeher suchen Maler mit Hilfe geometrischer Grundformen nach dem göttlichen Ebenmaß in der Natur. In ihnen finden sie eine unveränderliche Harmonie, die sie in der Wirklichkeit vermissen und deshalb auf ihren Bildern mit größter Kunstfertigkeit beschwören.

Auf diese Weise verbindet die Geometrie auch Klassik und Moderne, mit dem entscheidenden Unterschied natürlich, dass ein Maler des 16. Jahrhunderts seine abstrakte Vorzeichnung im fertigen Bild vollkommen aufgehen ließ, während der Modernist der Tradition sozusagen mit dem Röntgenapparat zu Leibe rückt. Seine reinen Formen zeigen, was die gemalte Welt im Innersten zusammenhält.

Besonders anschaulich wird dies bei Piet Mondrian (1872 bis 1944), weil sein Weg in die Abstraktion wie eine geraffte Geschichte der europäischen Kunst wirkt.

Zunächst arbeitete er dem Vorbild seines Vaters folgend als Illustrator religiöser Szenen, emanzipierte sich auf dem Gebiet der niederländischen Landschaftsmalerei und tauchte deren Motive schließlich in die Lichter der aufziehenden Moderne.

Ein herbstlicher "Wald" (1899) ähnelt in seiner formalen Strenge dem deutschen Jugendstil, die "Windmühle im Sonnenlicht" (1908) fängt im gleißenden Schein des Fauvismus Feuer, der "Kirchturm in Domburg" (1911) erinnert mit seinen einfachen Konturen und Farben an einen fotografischen Negativabzug der Realität.

Schon hier sieht Mondrian vor allem das Charakteristische in seinen Motiven, trotzdem lässt die stilistische Vielfalt der Bilder die folgende Entwicklung kaum erahnen. Erst seit 1914 dünnt er die niederländische Landschaft so weit aus, dass von den Wäldern lediglich vertikale Striche übrig bleiben und vom Wasser nur horizontale Linien.

Diese den berühmten "Kompositionen" vorausgehenden Arbeiten erregen in den letzten Jahren immer stärkeres Interesse und sind nun auch im Kölner Museum Ludwig prominent vertreten. Für die Ausstellung "Vom Abbild zum Bild" wurde die bedeutende Mondrian-Sammlung des Den Haager Gemeentemuseums im Tauschhandel mit den eigenen Picassos ausgeliehen, etwa 80 Gemälde und Zeichnungen aus sämtlichen Werkphasen werden präsentiert, die meisten zeigen Mondrian auf der fiebrigen Suche nach einem Stil. Obwohl viele große Meisterwerke fehlen, lohnt sich der Weg nach Köln: Man begegnet einem jungen, schwelgerischen Bilderstürmer, von dem der reife Künstler nichts mehr wissen wollte, der uns diesen Meister aber auf einnehmende Weise verstehen lehrt.

Piet Mondrian: "Abend" (1908/10, 70 x 99 cm, oben) und "Komposition" (1921, 60 x 60 cm)

Fiebrige Suche nach einem Stil: Selbstbildnis ("Augen", 30 x 26 cm) von 1908/09