Ausgabe: 01 / 2008
Seite: 58
Mythenkontrolle
Von Barbara Hein
Die Kunsthistorikerin Martina Baleva erforscht, wie Ereignisse zu Bildern werden und Bilder Geschichte konstruieren - und machte sich damit zur Staatsfeindin Bulgariens
Der 24. April 2007 war mild, fast schon frühsommerlich in Sofia. Die junge Kunsthistorikerin Martina Baleva war gerade angekommen und ahnte noch nicht, dass dies der letzte Tag ihres alten Lebens war. Sie war aus Berlin, wo sie seit ein paar Jahren lebte und studierte, in ihre bulgarische Heimat gekommen, um eine Ausstellung zu organisieren: über Kunst und Nationalismus auf dem Balkan am Beispiel des Erinnerungsortes Batak, ihr Promotionsthema.
"Ich rechnete mit einer Hand voll Besuchern", sagt sie heute in einem Berliner Café. "Aber was dann geschah, war ein Erdbeben." Offizielle Stellen waren aufmerksam geworden und witterten Landesverrat.
Kaum war die Schau abgesagt, tobte eine Hetzkampagne in den Boule vardblättern. Baleva wurde sofort als "Pseudo bulgarin", "Vaterlandsverräterin und "Holocaustleugnerin" verunglimpft, ihre Familie aufgefordert, das Land zu verlassen. Der gerade anschwellende Wahlkampf für das Europa- Parlament heizte die nationalradikale Stimmung zusätzlich an. "Ich bekam Morddrohungen per E-Mail und werde bis heute aufs Übelste beschimpft", erzählt sie, und der Schrecken steht ihr ins Gesicht geschrieben.
Als sich in den Abendnachrichten sogar der Staatspräsident Georgi Parvanov gegen sie äußerte, musste sie Hals über Kopf das Land verlassen.
"Es war absolut unfassbar", berichtet Baleva und streicht sich eine dichte, dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie ringt um Fassung: "Berlin ist vom unbeschwerten Ort meiner Studienjahre zum Exil geworden." Der Grund klingt eigentlich harmlos: Sie erforscht, wie Ereignisse zu Bildern werden und wie Bilder Zeitgeschichte konstruieren und ins kollektive Bewusstsein ganzer Völker übergehen und deren Nationalidentitäten prägen.
Ihr Gegenstand ist das "Massaker von Batak", ein Bild des polnischen Malers Antoni Piotrowski von 1892 - und gleichzeitig die Manifestation des bulgarischen Nationalmythos. Jedes Kind kennt das Bild aus Schulbüchern.
Die Vernichtung des Dorfs 1876 durch irreguläre osmanische Truppen ist als Sinnbild des heldenhaften Widerstands gegen die Türken tief in der Historie verankert. Regelmäßig finden offizielle Gedenkfeiern in der Dorfkirche statt.
Diesen Aufstand tapferer Bergbauern in den südbulgarischen Rhodopen hat es so - und das ist unter Historikern unumstritten - allerdings nicht gegeben. Balevas Ergebnisse bestätigen das und erklären, wie das Gemälde und einige als authentische Massakeraufnahmen geltende Fotos zu Propagandazwecken instrumentalisiert wurden. Das reichte, um den jungen EU-Staat in den Grundfesten zu erschüttern.
Dabei stellte sie nicht mehr als einige Ungereimtheiten klar: Die Fotos hält sie für Nachstellungen von Piotrowski.
Aus mehreren Quellen geht hervor, dass er sie als Vorlage für sein Bild in Batak hatte anfertigen lassen; und zwar auf einer Reise um 1888, also zwölf Jahre nach dem Massaker.
Nach Balevas Erkenntnis sind aber eben diese Fotos als Zeugnisse von 1876 in die Geschichte eingegangen, weil der gerade gegründete bulgarische Staat sie zur Illustration des Mythos brauchte. Indem sie Steuerregister sichtete, stellte sie auch fest, dass es viel weniger Opfer ge geben hat, als propagiert:
Nicht 12 000, sondern allenfalls 2000. In Batak lebten damals nur 3500 Menschen. Es war auch nicht die Niederschlagung eines Aufstands, sondern ein Massaker - nicht weniger tragisch, nur weniger instrumentalisierbar.
Warum versetzt die Arbeit einer Kunsthistorikerin das Land derart in Panik? Diese Berufsgruppe wirbelt mit ihrer weltentrückten Bilderforschung sonst selten Staub auf. "Durch den schlechten Stand der türkisch-muslimischen Minderheit bot das Thema Batak immer Zündstoff", erklärt sie. "Das Land sucht nach dem Ende des Kommunismus wieder nach einer Identität. Was liegt da näher als ein über Jahrhunderte bewährtes Feindbild zu bemühen?" Und tatsächlich ging der Direktor des Sofioter Nationalhistorischen Museums und Präsidentenberater Boschidar Dimitrov so weit, Baleva zu unterstellen, sie würde von der Türkei für ihre Arbeit bezahlt werden. Diese wollte damit ihre Weste reinwaschen, um in die EU zu kommen.
"Plötzlich wurde ich selbst instrumentalisiert", analysiert sie. "Als Nestbeschmutzerin." Aber keiner benutzte Baleva so perfide und effektiv wie die rechtsradikale Partei Ataka:
Während des EU-Wahlkampfs karrte sie Busladungen von Menschen in das entlegene Gebirgsdorf Batak. Am mythischen Ort fanden Treffen statt, die mit jedem faschistischen Aufmarsch mithalten können: Heldenhuldigung, Brandreden, Sprechchöre: "Baleva aufs Schafott". Und die Rechnung der Ataka- Partei ging auf: Jetzt sitzen drei Abgeordnete im EU-Parlament.
Der Fall Baleva oder besser der Fall Batak ist komplex. Er zeigt, wie schwierig die Vergangenheitsaufarbeitung in postsozialistischen Gesellschaften ist, wie tief die Identitätskrise geht und wie verlockend es ist, auf alte Feindbilder zurückzugreifen. Und er zeigt, wie schnell ein Mensch in einer Boulevardkampagne zur Projektionsfläche für all das gemacht werden kann.
Denn auch wenn viele Kanäle im Apparat der Ex-Diktaturen verstopft erscheinen, die Medien funktionieren einwandfrei. Und so grotesk es klingen mag, er bestätigt Martina Balevas These: "Mit der wachsenden Bedeutung von Bildern gewinnt auch der Beruf des Kunsthistorikers rasant an gesellschaftlicher Relevanz. Jedes Ereignis auf der Welt kommt sofort in Bildern zu uns. Der Fotograf wählt den Ausschnitt, der Redakteur Abfolge und Worte. Diese Bilder illustrieren nicht, sondern konstruieren unsere Geschichte - so wie damals Piotrowskis Gemälde. Es ist das beste Beispiel dafür, wie nachhaltig Bilder Wirklichkeit erschaffen."
Feindbild Türke: Auf dem "Massaker von Batak" (1892, 183 x 283 cm) malt Piotrowski osmanische Soldaten und tote bulgarische Frauen
Piotrowski-Inszenierung: eine der Aufnahmen, die als Fotos des Massakers gelten
