Ausgabe: 01 / 2008
Seite: 8

Studio

Von

PRESSETEXT DES JAHRES Galerie Emmanuel Walderdorff, Köln: "Preussmanns neue Arbeiten bewegen sich nach wie vor zwischen den Medien Zeichnung, Malerei und Fotografie. Selbst bei genauer Betrachtung ist seine verwendete Technik nicht wirklich verifizierbar und lässt den Betrachter daher im Ungewissen, obwohl die Motive sich im Gegeständlichen bewegen. ... Lichtbrechungen, Verformungen und Veränderungen von Farben, die im Ausgangsmaterial bezeichnend sind, führen zu ganz neuen eigenständigen ,Differentiellen Verweisungen', wie der Titel der Ausstellung bereits andeutet."

GEHT'S NOCH?!

Er ist ein irrer Professor des Hühnerstalls: Der belgische Künstler Koen Vanmechelen, 42, kreuzt verschiedene Hühnerrassen miteinander. Er will das "kosmopolitische Huhn" kreieren, und wie es sich für ein richtig beknacktes Kunstwerk gehört, wird diese schlichte Aktion mit großen Worten überhöht:

Globalisierung, Identität, Leben. "Ich betrachte meine Arbeit, wie alles das existiert, in Hegelianischen Kategorien: These, Antithese, Synthese. Ich weiß allerdings nicht, in welche Kategorie sie gehört." Da können wir jetzt auch nicht helfen.

DIE ART-HOME-STORY ( 6 )

Zu Gast bei Mona Hatoum Krimskrams, Nippes, Utensilien - im Laufe der Zeit sammelt sich so einiges an. Wir besuchen Künstler in ihren Ateliers und lassen uns ihre Lieblingssachen und Herzensdinge zeigen.

Der Weber Dieser Webrahmen ist ziemlich alt, gekauft habe ich ihn Mitte der Neunziger, weil er mich an meine Kindheit erinnerte. Mit seiner Hilfe begann ich während eines Atelierprogramms in Stockholm 2001 kleinformatige Raster aus Menschenhaar herzustellen. Das Gerät ist klein und man kann es überall hin mitnehmen.

Für meine Gewebe benutze ich vorwiegend schwarze Haare, allerdings sammle ich auch meine eigenen grauen!

Notizbücher Sie haben eine Doppelfunktion: als Ideenbuch und als mobiles Atelier. Ich notiere mir aber auch alle möglichen anderen Dinge, wie To-Do-Listen.

Früher benutzte ich diese teuren, schwarzen, doch diese hier sind leichter zu transportieren und weniger wert voll - sie sind immer da bei. Ich kaufe gern Notizbücher auf Reisen.

Wenn eins voll ist, reiße ich alle Seiten raus, die ich nicht brauche und hebe nur die Ideen und Skizzen auf.

Käfige Das erste Werk, in dem ich Käfige benutzte, war "Light Sentence" (1992), eine U-förmige Struktur im Raum, bestehend aus gestapelten Käfigen und einer nackten, in der Mitte der Installation hängenden Glühbirne. Später vergrößerte ich Käfige auf Mannshöhe. Über die Jahre habe ich verschiedene Käfige gesammelt.

In meinem Londoner Atelier befinden sich 20 bis 25 Stück - einige von ihnen sind eigentlich Fallen.

Karten Die erste von mir verwendete Karte war die der Osloer Friedensvereinbarungen zwischen Israel und den Palästinensern 1993. Diesen Peters-Atlas habe ich kürzlich für eine Reihe von Teppicharbeiten benutzt.

Anders als die alten eurozentrischen Atlanten stellt er die Länder im wirklichen Verhältnis zueinander dar.

Haar Seit meiner Studienzeit in London benutze ich Haar für meine Arbeit; zum Teil sammle ich es jahrelang für eine Arbeit. Es gehört zu den vom Körper abgelegten Materialien: Nägel, Urin, Schamhaar, Hautfetzen. Früher drehten sich meine Videoarbeiten und Performances stark um den Körper als Subjekt der Repräsentation, gleichzeitig diente er mir auch als Material. Für "Jardin Public" (1993) flocht ich ein Schamhaardreieck in die Sitzfläche eines eisernen Gartenstuhls.

KLEINE ENZYKLOPÄDIE DER KUNSTKLISCHEES (9)

Frühwerk, das: n., geht zurück auf ›wirken‹ in der Bedeutung von ›machen‹ und meint im Sinne von lat. opus den ges. kreativen Ertrag einer best. Lebensphase, nämlich der Jugend.

Das Besondere am F. ist oft der frappierende stilistische Unterschied zum sog. Haupt- und Spätwerk, wie z. B. bei Picasso: Bevor er seine Geliebten in kubistischer Manier auf der Leinwand zerstückelte, huldigte er ihnen mit naturalistischem Pinselstrich. Kandinsky widmete sich impressionistisch angehauchter Landschaftsmalerei, bevor er zu seinen beliebten abstrakten Musterspielen überging. Heute verharren allerd. viele Künstler, bes. solche der Spezies - >Jungstar, im F., da der Ruhm früh und plötzlich einsetzt. Die Reproduktion der Ursprungsidee ist so ertragreich, dass sich schon der Aufbruch ins Hauptwerk zu erübrigen scheint.

NEUER TREND: HÖLLE Die Hölle und ihre Bewohner haben Hochkonjunktur: Zurzeit gibt es drei große Ausstellungen zum Thema Hölle, Teufel, Böses. Erstens:

"All about Evil - Das Böse" im Bremer Überseemuseum (bis 18.

Mai), zweitens: "Zur Hölle! Eine Reise in die antike Unterwelt" im Berliner Pergamonmuseum (bis 2. März). Und drittens zeigt die Prager Nationalbibliothek Klementinum bis zum 6. Januar 2008 den Codex Gigas, auch bekannt als "Teufelsbibel", ein Buch aus dem13. Jahrhundert, um das sich die Legende rankt, ein zum Tode verurteilter Mönch habe es mit Hilfe des Teufels in nur einer Nacht geschrieben. Vielleicht ja für manchen eine willkommene Abwechslung nach all den braven Kindern und singenden Weih nachts engeln ...

Als simples und preiswertes Ausdrucksmittel zur Betonung von Individualität und Stil kommen Künstlerbärte offenbar nie aus der Mode.

Da dem Haarwuchs in Sachen Dichte und Ausdehnung jedoch Grenzen gesetzt sind, kommt es immer wieder zu unfreiwilligen, epochenübergreifenden Ähnlichkeiten der Bartträger.

Sehen Sie selbst, wer in seinem Ringen um die tägliche optische Abgrenzung von der Masse auf die gleichen Muster, Schnitte und Formen setzt und wer dem Wildwuchs der Natur lieber freien Lauf lässt. Auf unserer Webseite www.art-magazin.de können Sie sich übrigens noch mehr Bartpaare ansehen.

Im neuesten Coup holt Damien Hirst Rinderhälften, Schafe und Regenschirm von Francis Bacons "Painting" (1946) von der Leinwand in den Raum - freilich nicht, ohne alles in Formaldehyd zu tauchen. In diesem Rundumschlag der Zitate erinnern die Neonröhren an Dan Flavin, die Aquarien an Joseph Cornell. Der oft mit Plagiatsvorwürfen konfrontierte Künstler nennt es sein "am besten durchdachtes Werk". Für zehn Millionen Dollar erwarb Aby Rosen es für seine Sammlung im New Yorker Lever House, wo es noch bis Mitte Februar zu sehen ist - umsonst im gläser nen Foyer.

Bizarre Gebilde aus blutrotem Pappmaché: Zehn Jahre nach der Documenta 10 kehrt die israelische Künstlerin Sigalit Landau mit der Einzelausstellung "The Dining Hall" nach Deutschland zurück. Der Titel verweist auf den in der jüdischen Kibbuz-Gemeinschaft zentralen Speisesaal. Landau zeigt ihn als Gruselkabinett, Geborgenheit gibt es nicht: ein Bild für die Heimatlosigkeit, die Israelis und Palästinenser angesichts des kriegsähnlichen Zustands im Land spüren. Noch bis 13.

Januar 2008 in den Kunst-Werken in Berlin. Infos unter: www.kw-berlin.de

Auf der Suche nach Räumen und Häusern, die über Jahrzehnte von denselben Menschen bewohnt wurden, reist der niederländische Fotograf Bert Teunissen durch die Welt.

Meist ist er mit dem Auto unterwegs, klingelt an Türen und fragt einfach, ob er reinkommen und ein Bild machen kann. Diese hier stammen (im Uhrzeigersinn von oben links) aus kleinen Dörfern in Portugal, Spanien, Frankreich und Großbritannien.

"Es ist diese heimelige, abgeschiede ne Atmosphäre, die ich festhalten will, bevor es sie nicht mehr gibt", sagt er über sein Projekt "Domestic Landscapes", das noch bis 10. Februar 2008 im Haus Esters in Krefeld ausgestellt wird.

Katalog: Kerber Verlag, 30 Euro.

Infos: www.bertteunissen.com oder www.krefeld.de

Ein Reqiuem mit Botschaft? Die Noten sind schwarz markiert, rechts in Rot die hebräischen Schriftzeichen

Das erste Indiz für Giovanni Maria Pala waren die Brotlaibe auf der Tischkante:

"Das sind die versteckten Notenköpfe."

im digitalen Zeitalter geht es in Ben van Berkels Installation "The Thing" im Frankfurter Portikus

"Meine Linien sind endlos", ist das Credo des niederländischen Architekten Ben van Berkel.

Und das beherzigt er auch bei seiner jüngsten Rauminstallation im Frankfurter Portikus, die er schlicht "Das Ding" nennt. Gemeinsam mit seinen Städelschülern entwarf er eine weiße Hügellandschaft, die den Raum in zwei Etagen teilt:

Oben ist eine Bühne für Vorträge, Diskussionen, Performances. Unten stellen die Studenten eigene Arbeiten aus.

Durch aufwendig gesetztes Licht verwandelt sich der Raum immer wieder aufs Neue. "Ben van Berkel & the Theatre of Immancence", läuft noch bis zum 13. Januar 2008.

Live-Schaltung im Netz: www.journal03.staedelschule- onlinegroup.org

Herr über Huhn und Ei: Koen Vanmechelen

Mona Hatoum, 55, im Berliner Atelier.

Sie lebt und arbeitet in Berlin und London

Dieses Sammelsurium anatomischer Abnormalitäten scheint direkt aus Frankensteins Werkstatt zu stammen. Dabei erfüllte es ursprünglich einen ganz pragmatischen Zweck: Die Moulagen dienten Medizinstudenten um 1900 als Anschauungsobjekte.

Der Moulageur fertigte von der erkrankten Partie eines Patienten ein Gipsnegativ an, das er als Positiv in Wachs am Krankenbett des Patienten naturgetreu bemalte. "Beeindruckend ist die Naturtreue", sagt Thomas Schnalke, Direktor des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité. Der Leinenrahmen um jedes Porträt kaschiert den Abdruckrand. 36 dieser Raritäten zeigt das Museum der Charité seit kurzem in seiner Dauerausstellung "Dem Leben auf der Spur". Infos unter www.bmm.charite.de

Hundert Jahre alte Studienobjekte:

Eine Mitarbeiterin der Charité hängt Wachsporträts von ehemaligen Patienten auf

Wassily Kandinsky (1866 bis 1944): "Kochel-Bauernhaus mit Kirche" von 1902

Pablo Picasso (1881 bis 1973):

"Porträt von Olga im Sessel" (1917)

Teufelsfiguren aus Mexiko: zu sehen in "All about Evil" in Bremen

Rauschebart: Hermann Nitsch, Leonardo da Vinci

Typ Erlöser: Jonathan Meese, Albrecht Dürer

Gestutzte Boheme: A. R. Penck, van Gogh

Cross-Gender: Roger M. Buergel, Frida Kahlo

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Gruselkabinett

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abgeschiedene Atmosphäre

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Das Ding

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Pressetext des Jahres

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Gruselkabinett

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abgeschiedene Atmosphäre

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Das Ding

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Pressetext des Jahres

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das kosmopolitische Huhn

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Frankensteins Werkstatt

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Künstlerbärte

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Mini-Enzyklopädie der Kunstklischees (8) - Frühwerk, das

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Neuer Trend: Hölle