Ausgabe: 01 / 2008
Seite: 52

Die Meisterin des Obszönen

Von Claudia Bodin

Mit grotesk-kitschigen Aktbildern hat es Lisa Yuskavage in die Oberliga der US-amerikanischen Kunstszene gebracht. Führende Kritiker schwärmen von der "mysteriösen Poesie" und "visuellen Frische" ihrer Gemälde, wo andere nur peinliche Geschmacklosigkeiten sehen - Kitsch als Zeitgeistphänomen

Diese Bilder sind eine Zumutung. Die Frauen von Lisa Yuskavage haben dämliche Stupsnasen und schwere Brüste, die sie dem Betrachter entgegenstrecken. Ihre Hinterteile sind so prall, dass sie den Slip zu sprengen drohen.

Eine Schwangere in reifer Fülle masturbiert.

Ein gesichtsloses Blondchen spreizt die Beine. In Anlehnung an Werke des barocken Bildhauers Giovanni Lorenzo Bernini zeigen einige ihrer neueren Arbeiten Frauenpaare in eng umschlungenen Posen. So recht weiß man nicht, ob es sich um einen erotischen Akt handelt oder ob die beiden zu pornografischen Aufnahmen gezwungen wurden. Und das alles ist im Stil der Rokokomaler in Bonbonfarben gehalten, was den Bildern die Aura von Kalenderblättern aus dem Erotikversandhaus verleiht.

Von dem Menschen Yuskavage wurde einige Zeit ähnliches wie von ihren Bildern behauptet. Sie sei zu laut, zu vulgär, zu aggressiv. Eben einfach eine Zumutung. Die Arbeiten der 45- jährigen Amerikanerin tragen Titel, die nach Aufmerksamkeit schreien wie "Tittenhimmel" ("Tit Heaven", 1992), "Kleiner Wichser" ("Wee Motherfucker", 1996) oder "Brut" ("Brood", 2005/06). Neben ihrem alten Studienfreund John Currin (art 4/2004) zählt sie zu den führenden Künstlern, die das Thema Kitsch bis zur Schmerzgrenze beackern. Sie ist und in den USA längst ein Markenname.

Wie Martin Eder, der deutsche Vertreter neoanzüglicher Kunst (art 10/2007), erzählt auch Yuskavages Erfolg viel über die Zeit, in der wir leben. Ihre Arbeiten sind leicht konsumierbar.

Sie attackieren den Betrachter.

Sie machen ihn an - und verpassen ihm gleich im Anschluss die kalte Dusche. Es ist ironische Kunst, die sich zynisch selbst zu verspotten scheint.

Lange Zeit wurde Yuskavage von Currin und seinem Erfolg überschattet.

Im Mai vergangenen Jahres überholte sie ihn. Erst wurde das Bild "Honeymoon" von 1998 bei Sotheby's in New York für mehr als eine Million Dollar versteigert. Bei Christie's in New York wurde ein Jahr später für ihre schweinchennasige Dame mit Silikonbusen aus "Nacht" (1999/2000) mit 1,4 Millionen Dollar der Rekord für die Künstlerin gebrochen. Die horrenden Preise machten manche Experten regelrecht fassungslos. Sie fragen sich, ob klebrig-verkitschte Softpornos neu er dings zu den Höhepunkten der zeitgenössischen Kunst zählen. Dass sich die Amerikanerin ausgerechnet Pin-Up Girls als Thema vorgeknöpft hat, macht sie auch bei jungen Sammlern pupulär.

Ihre Arbeiten wirken nicht so kühl kalkuliert und auf Wirkung bedacht wie die aufgereihten Nackten einer Vanessa Beecroft. Sie strahlen nicht die glatte Leere der Rokokokarikaturen ihres Freundes John Currin aus. "Lisa Yuskavage spielt mit ihren Frauen und sich selbst", sagt Claudia Gould, Direktorin des Institute of Contemporary Art in Philadelphia, das der Künstlerin 2000/01 eine Einzelschau widmete. "Als ich ihre Bilder zum ersten Mal sah, war ich schockiert.

Aber ich konnte nicht davon lassen und ging immer wieder zu ihren Ausstellungen. Ihre Kunst ist sehr verführerisch." Der einflussreiche Galerist David Zwirner warb die Künstlerin inzwischen bei ihrer früheren Galeristin Marianne Boesky ab. Im Herbst 2006 gab er der Erfolgsstory Zündstoff, indem er gleich zwei Ausstellungen parallel mit Yuskavage veranstaltete.

New Yorks Kunstkritiker betrachten ihre Anzüglichkeiten bis auf einige Ausnahmen mit Wohlwollen.

Sie würde den weiblichen Körper auf eine Weise abbilden, die frisch, witzig, grotesk, Mitleid erregend, schön und manchmal alles zugleich ist, befand Roberta Smith von der "New York Times". Ihr Kollege Ken Johnson schwärmte über ihre beschwingte, mysteriös vieldeutige visuelle Poesie.

Peter Schjeldahl vom "New Yorker" sprach von der rauen Magie ihrer Bilder, die voller Dreistigkeit seien: Dank Leuten wie Yuskavage sei zeitgenössische Kunst wieder abenteuerlich.

Die Kritiker heben stets das außergewöhnliche malerische Talent der New Yorkerin hervor. Kim Levin von der "Village Voice" hingegen fasste die Meinung von Yuskavages Skeptikern mit einem brutalen Statement zusammen:

Ihre Arbeiten stünden auf dem gleichen Niveau wie "die ebenso hirntoten kurvenreichen Schätzchen" von John Currin.

Dass die Frauen auf ihren Bildern nicht selten Ähnlichkeit mit der Künstlerin haben, regte so manchen zu entsprechenden Interpretationen an. Sie würde ihre sexuellen Ängste niedermalen, meinten die einen. Die anderen sahen eine Frau, die männlichen Voyeuren ihre animalischen Gelüste vor Augen führt. Sex würde für Scham, Macht und Machtlosigkeit stehen. Es sei für sie einfach der beste Weg, sich selbst in Verlegenheit zu bringen, sagt Yuskavage. Doch als feministische Künstlerin versteht sie sich nicht: "Meine Bilder drehen sich um das Thema Klassenkampf." Was sie damit meint, sind ihre Komplexe über ihre Herkunft, die sie zum Ärger der Eltern als "white trash" bezeichnet.

Lisa Yuskavage wuchs in einem typischen amerikanischen "Working Class"-Haushalt in der Nähe von Philadelphia auf. Der Vater war Lastwagenfahrer, ihre Mutter Hausfrau.

Schönheit stand bei Familie Yuskavage nicht für Kultur, sondern für die Sammlung der kitschigen Glasfiguren.

Wer es in der Nachbarschaft zu etwas gebracht hatte, kaufte sich Bettwäsche von Laura Ashley.

Lisa und ihre Schwester besuchten eine katholische Mädchenschule. Die Eltern wollten, dass ihre Töchter etwas aus ihrem Leben machen und ermöglichten ihnen ein Studium. Lisa besuchte die Tyler School of Art bei Philadelphia und später die Elite-Universität Yale University School of Art, die Stars wie Chuck Close, Eva Hesse, Richard Serra und Matthew Barney hervorgebracht hat. Dort machte Yuskavage ihren männlichen Lehrern schnell klar, dass sie nicht zu der Gattung junger Frauen zählte, die kleine, höfliche Bilder malten und darauf warteten, ins Bett oder vor den Altar geschleppt zu werden.

Nur wenige Jahre nachdem sie ihr Studium abgeschlossen hatte und in das New Yorker East Village gezogen war, bekam Yuskavage 1990 ihre erste Einzelausstellung in New York. Sie empfand die Veranstaltung als Katastrophe.

Die Bilder an den Wänden mit unschuldig wirkende Rückenakten verdeutlichten ihr damals, dass sie sich anpassen wollte und dass sie sich für ihre Herkunft schämte. "Meine Bilder wirkten wie die ordinäre Stimme einer Frau, die versucht, anderen zu gefallen", meint die Künstlerin im Nachblick.

Vor lauter Abscheu vor ihrer eigenen Angepasstheit verfiel Yuskavage in tiefe Depressionen. Für ein Jahr hörte sie auf, Pinsel und Farbe anzurühren.

Dann beschloss die Malerin, die sich wie viele Amerikaner regelmäßig einem Psychotherapeuten anvertraut, ihre Persönlichkeit in die Arbeit einfließen zu lassen. "Auch wenn dies alles andere als passend für Kunst war", meint sie. Sie nahm sich Jeff Koons und Mike Kelley zum Vorbild. "Wenn einer weiß, was Kitsch ist, dann bin ich es", sagte sie sich und malte ohne Skizzen drauflos. Das Ergebnis waren provozierende Geschmacklosigkeiten:

Im Bild "Die Geschenke" (1991) steigt eine üppige Nymphe aus grünem Nebel empor, Blumen stecken in ihrem Mund. Es folgte die "Bad Baby"-Serie monströser Frauen mit Puppengesichtern und dickem Schamhaar.

Bei den aufgetriebenen Bäuchen ihrer Frauen ließ sie sich von Hans Bellmers bizarren Puppen inspirieren. "Meine Bilder sind so vulgär und so geschmacklos, sie fühlten sich unangebracht an. Genau dieses Gefühl war wichtig für mich", sagt die Künstlerin.

Die meisten Leute, die sie damals im Studio besuchten, waren entsetzt.

Yuskavage malte unbeirrt weiter. Während die ersten Arbeiten ihrer Fantasie entsprangen, modellierte sie später Figuren als Vorlage oder sie bediente sich Fotos, die sie in irgendeiner Form anregten, wie Bilder aus Männermagazinen.

Ihr würde beim Malen alles Mögliche durch den Kopf gehen, sagt sie: schmutzige Lieder, eine Passage aus James Joyces "Ein Portrait des Künstlers als junger Mann", Szenen aus einem Film mit Shirley Temple oder das Licht auf einem Gemälde des Renaissance- Malers Giovanni Bellini.

Seit Mitte der neunziger Jahre arbeitet Yuskavage mit leibhaftigen Modellen, die sie für ihre Vorlagen fotografiert, darunter auch eine alte Freundin aus Kindertagen. Kathy verkörpert als Exfrau eines Kleinstadtkriminellen und allein erziehende Mutter eine Lebensgeschichte, die für Frauen aus Yuskavages früherem Umfeld typisch ist. Das Porträt "True Blonde Draped" (1999) zeigt Kathys verlebten Körper und zählt zu Yuskavages persönlichsten Bildern.

Bis 1996 blieben Yuskavages Arbeiten weitgehend unbeachtet. Heute haben Museen wie das New Yorker Whitney Museum of American Art und das Museum of Contemporary Art in Los Angeles Yuskavages Frauen in der Sammlung. Als Vorbild nennt die Malerin auch die Fotografin Diane Arbus, "weil sie es verstand, dass sie nicht nur Freaks fotografierte, sondern selbst ein Freak war", so Yuskavage.

In ihrem Studio hängt ein Bild, das ohne ihre perversen Nymphen auskommt und bei ihrer Ausstellung Ende 2007 in der Londoner Greengrassi Galerie zu sehen war. Es zeigt ein nacktes Baby und die Umrisse eines Schneemanns in einer ver störenden Winterlandschaft. "Ich habe in den ersten Jahren als Künstlerin viel Ablehnung erfahren", sagt Lisa Yus ka va ge.

"Jetzt bin ich frei."

Galeriekontakt: David Zwirner, New York, www.davidzwirner.com

Lisa Yuskavage privat: die Malerin mit ihrem Chihuahua "Lupe" in ihrem Haus in Long Island (Foto:

Jürgen Frank)

Inspiriert von Barockbildhauern und Erotikkalendern: "Grüne Zwiebeln" (2007, 31 x 23 cm)

Dämliche Stupsnase, schwere Brüste: "Tag" (1994, 196 x 157 cm)

Ironische Kunst, die sich selbst verspottet: "Couch" (1997/98, 152 x 157 cm)

Stillleben mit Melonenbauch: "Brut" (2005/06, 196 x 175 cm)

"Meine Bilder drehen sich um das Thema Klassenkampf", sagt Lisa Yuskavage, die in einfachen Verhältnissen aufwuchs und mit provokanten Motiven ihre Minderwertigkeitsgefühle niedermalt

Motive wie dieses bringen Millionen: "Nacht" (1992, 196 x 158 cm)

Jugendfreundin als drapierte Blondine: "True Blonde Draped" (1999, 97 x 74 cm)

Zu Yuskavages Vorbildern gehören Skandalkünstler wie Jeff Koons, Mike Kelley und Diane Arbus