Ausgabe: 09 / 2007
Seite: 58-65

Mit Pinsel und Kalaschnikow

Von Kito Nedo

Der bulgarische Künstler Nedko Solakov provoziert mit ironischen Textbotschaften und absurden Malaktionen. Wie breit die Spannweite seines Werks ist, zeigen aktuelle Installationen auf der Documenta 12 in Kassel und auf der Biennale in Venedig

Seit diesem Frühjahr hat der bulgarische Künstler Nedko Solakov eine eigene Internetseite. Dies ist an sich nichts Ungewöhnliches. Doch die Einteilung seiner Werke, die er dort vor nimmt, ist höchst merkwürdig. Es gibt nur zwei Kategorien: "Einfache Arbeiten" und "Komplizierte Arbeiten". Auf welchen Kriterien diese Klas sifizierung be ruht, bleibt im Dunklen. Ganz ernst gemeint ist sie vermutlich nicht. Denn was den Reiz der Installationen, Aktio nen, Zeichnungen und Videos des 1957 geborenen Künstlers ausmacht, der derzeit gleichzeitig auf der Documenta und auf der Biennale in Venedig vertreten ist, ist gerade die Verbindung von Einfachheit und Komplexität, die Umsetzung von simplen Ideen in ausgetüftelte Installationen oder die Realisierung komplizierter Projekte mit einfachen Mitteln. Dies alles ist meist versehen mit einem schlitzohrigen Humor, der immer dann aufblitzt, wenn es dem stämmigen Mann mit Vollbart mal wieder gelungen ist, die Widersprüche des westlichen Kunstbetriebs offenbar werden zu lassen oder einfach nur eine absurde Geschichte überzeugend zu präsentieren.

Wie anders sollte man etwa die Textinstallation "On the Wing" verstehen, die auf 14 verschiedenen kur zen Geschichten basierte, die Solakov 1999 auf die Tragflächen von sechs Boeing 737 der luxemburgischen Fluggesellschaft Luxair anbringen ließ? Verdutzte Reisende konnten da Sätze wie "Der gleiche Text erscheint auch auf der linken Tragfläche, aber schauen Sie lieber noch mal nach" lesen. Wer erwartet schon 10 000 Meter über der Erde ein Kunstwerk? Und wie verhält man sich zu der Aufforderung, in einem vollbesetzten Flieger mal eben die Seite zu wechseln, um zu erfahren, wie die Geschichte weitergeht?

Die Stiftung von sanfter Verwirrung ist ein Leitthema des bulgarischen Konzeptkünstlers. Um sie zu erreichen, ist ihm jedes Mittel recht.

Am deutlichsten wird dies an seinen kleinen Kritzeleien, die er schon in etlichen Museen und Institutionen weltweit hinterließ, darunter das New Yorker P.S.1, die Kunsthalle Bern oder das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main. Dort gehören die schwer auszumachenden kleinen Strichmännchen und Sprüche sogar zur permanen ten Präsentation. Wer in Frankfurt also leicht gebeugten oder knienden Museumsbesuchern begegnet, muss sich keine Sorgen machen - diese Menschen sind lediglich auf der Suche nach Solakovs Miniaturinterventionen.

Zieht man in Betracht, dass der in Sofia lebende Künstler Ende der siebziger Jahre eine Ausbil dung für Wandmalerei absolvierte, entbehren diese kleinen Eingriffe in die Muse - umsbau ten, die von Solakov selbst un ter dem Titel "A (not so) White Cube" zusammengefasst werden, nicht einer gewissen Ironie. Die wichtigste Lehre seiner Studienzeit sei die Regel gewesen, sich der Architektur unterzuordnen, sagt Solakov heute. Nur indem man sich zunächst der Architektur unterwerfe, könne man Räume letztlich überwinden und für die eigene Kunst nutzen, fügt er sichtlich amüsiert hinzu.

Auch sein bislang bekanntestes Werk, die Endlos-Performance "A Life (Black & White)" illustriert diese Arbeitsmaxime mustergültig. Seit 2000 kam das konzeptuelle Stück schon bei rund 20 verschiedenen Ausstellungen zur Aufführung, beispielsweise auf der von Harald Szeemann kuratierten 49.

Venedig-Biennale im Jahr 2001. Im Zentrum der Arbeit stehen eine Vielzahl von Farbeimern und zwei Maler, die die Wände eines beliebigen Ausstellungsraums während der gesamten Dauer der Ausstellung abwechselnd schwarz und weiß streichen und so kontinuierlich Farbschicht um Farbschicht auftragen.

Unterbrochen wird das Malern nur durch eine längere Mittags- oder kürzere Zigarettenpausen - so legt es die detaillierte Handlungsanweisung des Künstlers fest. Für Solakov ist dieses unendliche Übertünchen eine Parabel auf das Leben selbst: "Genau wie in unserem Leben: Weiß ersetzt Schwarz, Schwarz ersetzt Weiß, ein wenig Grau am Ende des Tages - weil die Farbe irgendwie nicht hundertprozentig trocknen kann, aber am nächsten Morgen wird der Kontrast wieder perfekt sein." Zu einer Graubildung sei es jedoch bislang nie gekommen, freut sich Solakov heute - dafür ist die Qualität der verwendeten Farben immer zu gut gewesen.

Trotz solcher Performances wäre es falsch, in Solakov einen spätgeboren en Erben der strengen Konzeptualismen der sechziger Jahre zu sehen - zu erzählerisch ist das Werk des Bulgaren, der fortlaufend auch umfangreiche Zeichnungsserien produziert, wie etwa die 99 Blätter umfassende Folge "Fears" (2007), die ebenfalls auf der Documenta zu sehen ist. Auch eine "bulgarische Note" ist in solcher Kunst nicht erkennbar und soll es auch nicht sein. Solakov distanziert sich bewusst von der figürlich-historisierenden Maltradition seines Heimatlands.

Seine Textbot schaften verfasst er nicht etwa auf Bulgarisch, sondern in der Weltsprache Englisch.

"Jeder soll das verstehen können, was ich versuche zu erzählen", erklärt Solakov.

"Wenn es etwas Bulgarisches in meinen Arbeiten gibt, dann ist es der Grad an Absurdität, der hier herrscht - in Bulgarien passieren eine Menge merk würdige Dinge. Das hat Einfluss auf meine Kunst." Zu den wenigen Werken, die dennoch direkt auf die Situation in Bulgarien und auch auf Solakovs eigenes Leben Bezug nehmen, gehört das aus zwei Karteikästen bestehende Objekt "Streng Geheim" aus den Jahren 1989/90, das in diesem Sommer auf der Documenta 12 zu sehen ist. Auf rund 180 Karteikarten hatte Solakov in Wort und Bild während der Wende in Bulgarien 1989 nicht nur ein Resümee seines bisherigen Lebens gezogen, sondern vor allem ein "beschämendes Geheimnis" an die Öffentlichkeit getragen: Zwischen 1976 und 1983 hatte der damalige Student, spätere Rekrut und überzeugte Sozialist mit dem bulgarischen Staatssicherheitsdienst zusammengearbeitet, bis er nach Ende des Militärdienstes den Kontakt zur Behörde auf eigene Entscheidung hin abbrach.

Als "Streng Geheim" im Frühjahr 1990 erstmals in einer Gruppenausstellung in Sofia gezeigt wurde, sorgte dies für gehörige Irritationen in der kleinen Kunstszene des Balkanlands.

Denn mit der brisanten Selbstenttarnung als ehemaliger "IM" (Informeller Mitarbeiter) rührte Solakov sehr früh an ein gesamtgesellschaftli ches Tabu: Bis heute sind die Akten der bulgarischen Staatssicherheit nicht öffentlich zugänglich, auch für die informelle Tätigkeit Solakovs gibt es bislang keine offiziellen Beweise. Für den Künstler gehört der unscheinbare Holzkasten mit den zwei Schubladen deshalb zu den wichtigsten Arbeiten überhaupt, sie bot ihm doch die Möglichkeit, im selbst bestimmten Rahmen eines Kunst werks der eigenen Angst zu begegnen und sich von einer biografischen Bürde zu befreien: "Nachdem ich die Arbeit gemacht hatte, hatte ich das Gefühl, alles tun zu können, was ich wollte, ohne irgendwelche Barrieren." Danach, so sagt er, habe er jedoch nie wieder das Interesse verspürt, sich mit der jüngsten bulgarischen Geschichte auf solch direkte Art auseinanderzusetzen.

Wenn dies dann doch wieder geschieht, dann muss es sich schon um eine bizarre Begebenheit wie der gehei me Streit zwischen Bulgarien und Russland um das Copyright am russischen Sturmgewehr AK-47 handeln, den Solakov für seinen Biennale-Beitrag aufgreift. Für die Installation "Discussion (Property)" interviewte er sowohl den Direktor der bulgarischen Maschinengewehrfabrik, als auch zwei Vertreter der russischen Botschaft in Sofia, ließ zwölf Zeichnungen von bulgarischen Abwandlungen des russischen Originals anfertigen und besorg te sich in Italien eine rumänische Kalaschnikow-Version, als ihm die italienischen Behörden die Einfuhr selbst von unbrauchbar gemachten bulgarischen Modellen untersagten. Ob der Künstler diesen diplomatisch pikanten Biennale-Beitrag zu seinen einfachen oder komplizierten Werken zählt? Das wird man demnächst sicherlich auf seiner Webseite nachlesen können.

Galerie: Arndt & Partner, Berlin. Tel. (0 30)

2 80 81 23, www.arndt-partner.de Literatur: Nedko Solakov: A 12 1/3 (and even more) year survey, Folio Verlag, Wien/Bozen 2003; Nedko Solakov: Romantic landscapes with missing parts, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 2002.

Internet: www.nedkosolakov.net

Nedko Solakov posiert mit Maschinengewehr AK-47, dem zentralen Objekt seiner Biennale- Arbeit "Discussion (Property)", in Venedig (links)

Mit der Arbeit "Top Secret" (1989/90) thematisierte Solakov gleich nach der Wende seine Mitarbeit beim bulgarischen Geheimdienst

In "Fears" (2006/07, je 19 x 28 cm), einer Serie von 99 Tuschezeichnungen, beschreibt Solakov aberwitzige Anekdoten wie die Betrachtungen eines "Pilgers", der sein Tagebuch belügt (oben), und die letzte Bergbesteigung eines "furchtlosen Abenteurers" bis " ... Eine Lawine kommt" (unten)

Endlose Malerei:

Für die Arbeit "A Life (Black & White)" (1998), die Solakov 2001 auf der Venedig-Biennale zeigte, lässt er einen Raum immer wieder schwarz und weiß übermalen

Kunst, für die man sich bücken muss: Für seine Serie "A (not so) White Cube" bringt Solakov Miniaturzeichnungen und Texte an ungewöhnlichen Orten an. Links: 2002 zu einer Einzelausstellung im De-Appel-Kunstzentrum in Amsterdam "ein Macho- Mann ohne Gehirn (natürlich)". Oben: 2002 zur Ausstellung "Basics" auf einem Heizungsrohr in der Kunsthalle Bern "Sie liebt kuschelige und warme Orte"

"Es ist genau wie in unserem Leben: Weiß ersetzt Schwarz, Schwarz ersetzt Weiß und am Ende des Tages bleibt ein wenig Grau"

Mit "On the Wing" (1999/ 2000) irritierte Solakov Gäste der luxem burgischen Fluggesellschaft Luxair. Insgesamt 14 absurde Textbotschaften über freundliche Tragflügel (unten), die Gefühlswelt von Regentropfen (ganz unten) und Wolken (links) platzierte er auf der Außenhaut von sechs Boeing 737