Ausgabe: 09 / 2007
Seite: 82-84

Umbruchstellen der Geschichte

Von Adrienne Braun

Eine Werkschau des kanadischen Film- und Fotokünstlers, der den vertrauten Blick verrücken will, wird im Kunstverein und in der Staatsgalerie gezeigt STUTTGART: STAN DOUGLAS

Als Stan Douglas in Babelsberg ein Stipendium hatte, kam er an verfallenen Schrebergärten vorbei. Das machte ihn neugierig: Wer war dieser Herr Schreber? Das Ergebnis der Recherche waren eine Fotoserie und zwei ineinandergeschobene 16-Millimeter-Filme, die das Thema Schrebergärten, die Geschichte der Potsdamer Arbeiter im 19. Jahrhundert, E. T. A. Hoffmanns Schauerroman "Der Sandmann" und Sigmund Freuds Theorie des Unheimlichen miteinander verbinden. Der kanadische Filmund Fotokünstler Stan Douglas, 47, mischt in seinen Arbeiten immer wieder die Erzählebenen.

Er kombiniert Literatur und Geschichte, vorgefundenes und inszenier tes Material - und will damit den vertrauten Blick verrücken und hinterfragen, was man selbstverständlich für wahr hält. Der Württembergische Kunstverein in Stuttgart widmet Douglas, einem der erfolgreichsten Künstler Kanadas, die erste umfassende Werkschau, und weil ihm hierzu die eigenen Räumlichkeiten nicht reichen, wird auch die Staatsgalerie Stuttgart mit bespielt.

Die 14 Installationen, die aus Film, Video und Fotografie bestehen, werden nicht chronologisch, sondern thematisch präsentiert, zumal die frühen Diaarbeiten fehlen, weil der Künstler sie nicht mehr ausstellen wollte. Der Kunstverein zeigt die "Television-Spots", in denen Douglas Nachrichtensendungen "reinszeniert", wie es Hans D. Christ nennt, der die Ausstellung mit Iris Dressler organisiert hat.

"Evening" geht dem Beginn des Infotainments Ende der sechziger Jahre nach. "Da kriegt man mit, wie Nachrichten gestaltet werden", sagt Christ.

Das Interessante an Douglas Arbeiten sei die "Rekombination", sagt Christ.

Durch die verschiedenen Quellen und Materialien weise er auf "historische Umbruchstellen hin, man bekommt ein anderes Verständnis von Geschichte". Für den Afrokanadier Douglas ist Kolonialisierung ein wichtiges Thema. In "Nu-tka" (1996) zeigt er einen Landstrich kanadischer Ureinwohner, der zwischen zwei Kolonialmächten aufgeteilt wurde - und schneidet nun zwei 360-Grad-Schwenks so ineinander, dass sie kurzfristig ein Bild ergeben und wieder auseinanderdriften.

Termin: 15. September bis 6. Januar 2008.

Katalog: Hatje Cantz Verlag, 39,80 Euro.

Internet: www.wkv-stuttgart.de