Ausgabe: 09 / 2007
Seite: 78-81
Das Wunder vom Wannsee
Von Stefan Lddemann
Für den Maler war er sein "Klein-Versailles", doch nach der Enteignung interessierte das lange niemanden. Ein Besuch in Max Liebermanns Garten
Erst bezaubernde Bilder, dann eine schreckliche Geschichte. Später lange Jahre der Gleichgültigkeit und zuletzt doch noch ein Happy End. So könnte im Telegrammstil die Geschichte von Max Liebermanns Villa am Wannsee lauten, die dem Maler einst als Refugium dien te, von den Nationalsozialisten ent eignet wurde, als Krankenhaus und Vereinshaus genutzt und schließlich im April 2006 als Museum eröffnet wurde.
"Wir halten das nach wie vor für ein Wunder", sagt Hanns Kirchner vom Vorstand der über 1200 Mitglie der zählenden Max-Liebermann- Gesell schaft. Rund drei Millionen Euro hat die Gesellschaft aus privaten Quellen aufgebracht, um Haus und Garten Liebermanns wieder in einen annähernd originalen Zustand zu ver setzen.
Danach hatte es lange nicht ausgesehen, denn nach 1945 interessierten sich weder Berlins Politiker für das Anwesen am Seeufer, noch gab es ein gemeinsames Interesse aller Mit glie der der Akademie der Künste, der Liebermann von 1920 bis 1932 als Präsident vorgestanden hatte.
Jahrelang war die Villa zunächst Krankenhaus, das Atelier des Malers im Obergeschoss Operationssaal. Ab 1971 pachtete der Deutsche Unterwasserclub, ein Tauchsportverein, die einstige Liebermann-Residenz für 30 Jahre.
Der Aufruf des Architekturhistorikers Julius Posener, der im gleichen Jahr im Berliner "Ta ges spiegel" dafür eintrat, Haus und Gar ten in ein Museum umzuwandeln, verhallte ungehört.
Erst als der Pachtvertrag 1995 kurz und knapp um weitere 20 Jahre verlängert werden soll, melden sich kultur bewusste Bürger zu Wort. Sie gründen die Max-Liebermann-Gesellschaft, die das Ensemble schließlich 2002 übernimmt - nachdem sie den Sporttauchern den Umzug auf ein Ersatzgrundstück mit erheblichen Zahlungen mitfinanziert hat. Alles unter der Bedingung, kein Geld von der öffentlichen Hand zu verlangen.
Beseitigt wurden nicht nur die Ein- und Umbauten, die Hospitalplaner und Sporttaucher anbrachten.
Jetzt ist vor allem die Gesamtanlage, die sich Max Liebermann er träumt hatte, in ihren klaren Grundzügen wieder wie zum Zeitpunkt des Erstbezugs 1910 zu erleben. Eine gerade Achse durch Garten und Haus, das Esszimmer in dieser Sichtachse, mit Blick auf den See: Mit diesem schlichten Bauprogramm ließ der Maler den Architekten Paul Baum garten seinerzeit an die Arbeit gehen. Und konsultierte zugleich in Fragen der Gartengestaltung den befreundeten damaligen Direktor der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark.
Zwischen 1909 und 1913 gingen die Briefe zwischen Lichtwark und Lie - ber mann sowie dessen Tochter Käthe hin und her. "Hier kann ich meine Ellbogen wenigstens nach beiden Seiten ausstrecken, ohne anzustoßen", schrieb Liebermann zufrieden am 31. Juli 1910 und sprach stolz von seinem "Klein- Versailles", das er von da an re gelmäßig in den Sommermonaten auf suchte, um dem Großstadtgetriebe rund um seine Wohnung am Pariser Platz gleich neben dem Brandenburger Tor zu entfliehen. Lichtwark seinerseits empfahl "hohe blühende Stauden, Stockrosen in Fülle, Malven aller Art", plädierte für klare Gestaltungsprinzipien:
"Nichts ist unbequemer, als Hindernisse umgehen müssen." Das Ergebnis ist eine Anlage, die nicht nur als Erholungsort gedacht ist, sondern bald auch als Lieferant unabsehbar vieler Bildmotive in den Blick des Malers kam. Vor allem als Liebermann wegen des Ersten Weltkriegs die Reisen nach Holland einstellen musste und dort nicht mehr vor und in der Natur malen konnte, entdeckte er seinen Sommersitz am See ufer als Freiluftatelier.
Ob die in kräftigen Rottönen blühenden Stauden in den Beeten vor dem Haus, die lauschigen Ecken in den drei Heckengärten dahinter oder das Spiel des Sonnenlichts zwischen den weiß gefleckten Stämmen der Birken, die den Weg zum See säumen und schließlich die elegisch fallenden Äste der Trauerweiden am Ufer - die charakteristischen Elemente des Gartens wurden zu immer wieder variierten Motivgruppen im malerischen Werk des Künstlers, der um 1900 zum Impressionismus fand. "Denn die künstlerische Wahrheit beruht nicht in der möglichst genauen und getreuen objektiven Wiedergabe der Natur, sondern in der subjektiven Wiedergabe des Eindrucks der Natur", formulierte Liebermann seine künstlerische Überzeu gung in einer Schrift über Claude Monet, der sein Anwesen in Giverny zum berühmtesten aller Malergärten geformt hatte.
Wie bei Monets Garten, Heinrich Vogelers Barkenhoff-Anwesen in Worpswede oder Emil Noldes Haus im nordfriesischen Seebüll verschmelzen Haus, Garten und Kunst auch bei Liebermann zu einem Gesamtkunstwerk.
Der Garten als Erholungsort, der erst in der gesteigerten Form des gemalten Bildes seinen ganzen Zauber entfaltet - diese Geheimformel soll heute die Be sucherscharen an den Wannsee locken.
"Blau, rot, gelb, weiß leuchten die Blüten. Die kennen wir. In der Nationalgalerie leuchtet diese Pracht des Gartens in den Bildern des Meisters", schildert die Journalistin Lise Leibholz 1927 ihre Eindrücke nach einem Besuch am Wannsee.
"Die Besucher sollen den Bildern in der Nähe zu den Motiven begegnen", bringt Martin Faass deshalb die Philosophie der Liebermann-Villa in ihrer "musealen Phase" auf den Punkt.
Deshalb müsste ein fester Bestand an Gartenbildern dauerhaft in der Villa zu sehen sein, sagt der Kunsthistoriker, der das Haus seit September 2006 leitet und zuvor als freier Kurator in Hamburg tätig war.
Faass will sich jedoch nicht auf die Anziehungskraft des Hauses und des Gartens allein verlassen. Wie soll die Liebermann-Villa attraktiv bleiben, nachdem der Reiz des Neuen erst einmal verflogen ist? Schließlich sollen Besucher auch dann kommen, wenn die Stauden nicht blühen. Und sie müssen kommen, denn die Max-Liebermann- Gesellschaft bestreitet den Unterhalt des Domizils aus Geldern, die entweder eingeworben oder eingenommen werden. Faass denkt pragmatisch:
"Wir brauchen eine Marketingstrategie." Deshalb soll das Haus auch Ziel von Busreisen sein und für Veranstaltungen von Firmen vermietet werden. "Natürlich nur nach konser va to risch klaren Regeln", unterstreicht Mar tin Faass. Zudem will er die Vil la zum "Ansprechpartner in allen Liebermann-Fragen" machen.
Er plant Kolloquien zu Liebermann, will darüber hinaus aber auch den damaligen kunsthistorischen Kontext in Berlin zum Thema machen.
Die Wannsee-Villa - künftig mehr als der Oberflächenreiz eines luftig leichten Sommervergnügens? Solche Vereinfachung galt schon zu Liebermanns Zeit nicht. Denn die letzten Wochen in der Villa verbrachte der Maler in dem bitteren Bewusstsein, von den Nationalsozialisten aus dem kulturellen und gesellschaftli chen Leben verdrängt worden zu sein. Noch härter als den 1935 gestorbenen Künstler traf es dessen Witwe Martha, die ihrer Tochter Käthe und deren Familie nicht in das Exil in die USA folgte.
1940 musste sie die Wannsee-Villa für einen Spottpreis an die Deutsche Reichspost verkaufen, ohne über den Erlös je verfügen zu können.
Eva-Maria Frieser, die an diesem Sommertag ehrenamtlich durch Haus und Garten führt, geleitet Besuchergruppen nicht nur die Blumenbeete entlang oder verweist auf Liebermanns unbeschwerte Bilder, sondern berichtet, was den Bewohnern des Idylls nach ihrer glücklichen Zeit am Seeufer geschah. Im Schatten eines Baums schauen die Leute nun betreten vor sich hin, als sie von Martha Liebermanns tragischem Ende erzählt. Den Wortlaut eines allerletzten Hilferufs der verängstigten alten Dame zeigt ein Brief in einer Vitrine im Inneren der Villa. "Ich bin ganz durcheinander!
Dazu macht man mir von allen Seiten Angst wegen Abtransport", heißt es am 4. März 1943. Um der be vorstehenden Deportation zu entgehen, schluckt Martha Liebermann am Tag danach eine Überdosis Veronal und stirbt fünf Tage später im Jüdi schen Krankenhaus.
Das furchtbare Ende einer federleichten Sommergeschichte.
Ort: Liebermann-Villa am Wannsee, Colomierstraße 3, 14109 Berlin. Tel. (0 30) 80 58 59 00. Öffnungszeiten: April bis Oktober: Mi-Mo 10-18, Do bis 20; November bis März: Mi-Mo 11-17.
Anfahrt: S-Bahnhof Wannsee, weiter mit Buslinie 114, Haltestelle Colomierstraße.
Internet: www.max-liebermann.de Literatur: Waldtraut und Günter Braun (Hrsg.):
Max Liebermanns Garten am Wannsee, Nicolai Verlag, 24,90 Euro
Nur noch von Sonnenschirmen beschattet:
Auf Liebermanns "Blumenterrasse im Wannseegarten nach Nordwesten" (1916, 60 x 90 cm) sitzen die Besucher heute wieder sorglos bei Kaffee und Kuchen
1918 malte Liebermann seine "Birkenallee im Wannseegarten nach Westen" (76 x 95 cm). Die Bäume wurden bei der Wiederherstellung anhand von Originalplänen nachgepflanzt
Der Garten als Erholungsort, der erst im gemalten Bild seinen ganzen Zauber entfaltet - diese Formel soll die Besucher locken
STEFAN LÜDDEMANN
