Ausgabe: 09 / 2007
Seite: 44-51
Der stille Meister
Von Claudia Bodin
Auf seinen brillanten Fotografien friert Hiroshi Sugimoto Raum und Zeit ein. Jetzt widmet das Düsseldorfer K20 dem in New York und Tokio lebenden Japaner die erste umfassende Werkschau in Deutschland. Ein meditativer Blick auf Weltmeere, Filmpaläste und berühmte Wachsfiguren
Er ist ein Mann der stillen Momente. Für seine berühm ten Fotografien, die "Seascapes", sitzt Hiroshi Sugimoto tagelang an einem Fleck und wartet. Auf das richtige Licht. Auf den perfekten wolkenverhangenen Himmel. Auf den Moment, in dem sich nicht ein einziges Boot auf dem Wasser verirrt hat und er das Meer mit dem Auslöser seiner Kamera in eine spiegelglatte Fläche verwandeln kann. Himmel und Ozean scheinen auf manchen dieser Meereslandschaften ineinander zu flie ßen, auf anderen trennt der Horizont die beiden Elemente Wasser und Luft in zwei identisch große Hälften.
Wenn man sich den Zustand der Meditation als Bildnis vorstellt, würde er so aussehen wie eine von Sugimotos Ozeanstudien. Jetzt widmet das K20 - Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düs sel dorf dem in New York und Tokio leben den japanischen Fotokünstler die ers te umfassende Retrospektive in Deutschland.
Sugimoto startete seine "Seascapes"- Serie im Jahr 1980 und denkt noch lange nicht daran, sie abzuschließen.
Nach wie vor macht sich der 59- Jährige dreimal im Jahr auf die Reise.
Er fing die Karibik vor Jamaika ein, den Atlantik vor Neufundland, die Ostsee, das Tote Meer und den Südpazifischen Ozean. Seitdem nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 die Sicherheitsbestimmungen an den Flughäfen verschärft wurden und die Beamten seine Boxen mit den belichteten Filmen checken wollen, ist er für die "Seascapes" allerdings nur noch in den USA unterwegs. Denn innerhalb des Lan des kann er die altmodischen Film platten, von denen er seine riesigen Abzüge fertigt, per Lieferservice zu rück in sein Studio nach New York schicken.
Was Sugimoto an den Weltmeeren fasziniert, ist die Tatsache, dass sich mit ihnen die Zeit außer Kraft setzen lässt. Schließlich haben sich die Ozeane rein äußerlich in Millionen von Jahren nicht verändert. Unsere Vorfahren betrachteten den Horizont, Generationen nach uns werden es ebenfalls tun.
Um in absolute Stille abtauchen zu können, reist Sugimoto für die Serie der Seestücke stets allein und ohne Telefon.
"Inzwischen kann ich die Natur spüren und genau voraussagen, wie der Wind wehen wird", erzählt Sugimoto.
Sich selbst bezeichnet er als Künstler einer aussterbenden Gattung. Das Fotopapier, mit dem er arbeitet, wird bald nicht mehr produziert. Seine Großbildkamera mit dem Holzgehäuse, ei ne Spezialanfertigung aus Chicago, wird nicht mehr hergestellt. Der Schritt in die moderne Welt der Digitalfotografi e interessiert ihn nicht. "Es macht keinen Spaß, denn es ist zu einfach", entgegnet der Künstler und lächelt verschmitzt.
Sugimoto ließ sich viel Zeit in sei nem Leben. Sowohl mit seiner Arbeit als auch damit, sich einen Namen zu machen. "Es dauerte eine Weile, bis ich verstanden wurde", meint er. Mit seinen Schwarzweißfotografi en beschäftigte er sich mit geschichtlichen, wissenschaftlichen oder auch kulturellen Themen und vereinte fernöst liche Vorstellungen mit westlicher Kultur. "Fotografie funktioniert wie eine Zeitmaschine. Sie bewegt sich rückwärts und erschafft Geschichte neu." Obwohl der Japaner im Guggenheim Museum und im Me tropolitan Museum of Art in New York ausstellte und 2001 mit dem angesehe nen Has selblad Award ausgezeichnet wurde, finanzierte er sich seine Ar beit als Künst ler bis vor gar nicht lan ger Zeit mit einem lukrativen Zweitjob. Su gi moto handelte mit japanischen An ti quitäten. Doch inzwischen erzielen seine Fotoarbeiten Prei se von mehreren Hundert ausend Dollar. Kunst kauft er nur noch für sich selbst. Seit zwei Jah ren sammelt er Fossilien, die er als Vor boten der Fotografie ansieht, weil mit ihnen die Zeit versteinert wurde.
Auf jeden Fall war es seine Kar - rie re als Sammler, die ihn als Künstler inspirierte und seine eigenwilligen Pro jek te ermöglichte: etwa seine erste Fo torei he "Dioramas" ab 1975, bei der er Schaukästen mit prähistorischen Sze nen, wie man sie in Naturkundemu seen findet, festhielt. Oder die Serie "Theaters", für die er ebenfalls seit 1975 amerikani sche Kinosäle aus den zwanziger und dreißiger Jahren und später auch Autokinos fotografierte.
Den Film belichtete er für die komplet te Dauer eines Kinofilms. Das Ergebnis ist eine blendend weiße Leinwand, die den Betrachter ins Un endliche zu entführen scheint. Je amüsanter die Fil me waren, desto strahlender erscheint die Leinwand auf Su gimotos Fotografien.
In jüngster Zeit nahm er Gipsmodelle auf, die anhand von mathematischen Formeln hergestellt wurden ("Conceptual Forms", 2004). Und für seine Architekturserie (1997 bis 2002) ließ er Bauten von Architekten wie Le Corbusier und Frank Lloyd Wright auf seinen Bildern verschwimmen, um sie einem "Reinigungsprozess" zu unterziehen und die Kraft ihrer Form zu ergründen.
Mit seinen Porträtarbeiten von 1999, bei denen er meist historische Figuren wie Lenin, Winston Churchill, Fidel Castro, Napoleon Bonaparte und Heinrich VIII. und dessen sechs Ehefrauen im Wachsfigurenkabinett fotografierte, zelebriert er das Spiel mit der Verwirrung: Handelt es sich bei den Bildern um fotografierte Gemälde oder etwa um wirkliche Menschen in historischen Kostü men? Die Wachsfiguren aus Madame Tussauds sehen in Sugimotos Bildern lebendi ger aus als in natura. Die wenigen lebendigen Modelle, die er bislang foto grafiert hat, erscheinen dagegen seltsam wächsern und wirken wie tot. "Weil ich einen verdrehten Geist habe, genieße ich es, die Dinge umzukeh ren", meint der Künst ler. "Mein ganzes Leben lang schlage ich stets den umgekehrten Weg ein." Hiroshi Sugimoto wurde 1948 in Tokio geboren. Seine Eltern betrieben ein erfolgreiches Familienunternehmen, sie führten amerikanische Kosmetikartikel nach Japan ein. Zunächst studierte Sugimoto Wirtschaftswissenschaften.
Die Eltern hatten die Hoffnung, dass der einzige Sohn den Betrieb übernehmen würde. Doch der beschäftigte sich lieber mit den Schriften von Marx und Hegel. Im Anschluss an sein Studium reiste er in die frühere Sowjetunion, um sich dort den Kommunismus mit eigenen Augen anzu sehen.
Anschließend ging es weiter nach Europa und Kalifornien. "Ich war ein radikaler Hippie und meine Eltern waren heilfroh, dass ich weit weg blieb", erinnert sich Sugimoto.
Weil er in Kalifornien bleiben wollte, brauchte er ein Visum. Ein einfacher Weg, es zu bekommen, war, sich als Student am Art Center College of Design bei Los Angeles einzuschreiben - und das Fach Fotografie zu belegen, das nicht sonderlich begehrt war. "Fotografi e galt damals nicht als anerkannte Kunstform, sie wurde als Beschäftigung zweiter Klasse angesehen.
Das ist wohl der Grund, warum sie mir gefiel", erzählt Sugimoto. "Es war spannend, diese Art der Kunst in die erste Klasse zu befördern." Minimalismus und Konzeptkunst eroberten die amerikanische Kunstszene und beeinflussten Sugimoto bei seinen Arbeiten. 1974 zog er nach New York, wo er heute noch ein Studio betreibt. Erst fernab von seiner Heimat begann er, sich für seine Kultur zu interessieren und ein "wirklicher Japaner" zu werden. Heute pendelt er zwischen New York und Tokio hin und her. In einem Pent house- Apartment in seiner Geburtsstadt Tokio konstruierte er ein verwinkeltes Studio, das dazu dient, das Spiel von Licht und Schatten für seine Kamera einzufangen. Die Studien zählen zu Sugimotos neuesten Arbeiten. Für die "Colors of Shadow"-Serie (2004/05) arbeitete er mit Farbfilm.
Während ihm Tokio als Heimat und Inspiration gilt, dient ihm sein penibel aufgeräumtes Fotostudio im New Yorker Galerienviertel Chelsea als Produktionsstätte. Über Sugimotos Schreibtisch blickt "Henry VIII" majestetisch auf die Besucher herab.
Der Künstler beschäftigt sechs Assistenten, die in der vergangenen Zeit viel zu tun hatten. Sie bereiteten Sugimotos erste große Retrospektive im Mori Art Museum in Tokio sowie im Washingtoner Hirshhorn Museum and Sculpture Garden vor. Und im vergangenen Winter zeigte er in der "Galerie de l'Atelier Brancusi" des Centre Pompidou in Paris seine ersten Skulpturen.
Den späten Ruhm schätzt Sugimoto nicht besonders. Seine beiden mittlerweile erwachsenen Kinder hätten unter dem großen Namen des Vaters zu leiden, sagt er. In Tokio fangen die Menschen an, ihn auf der Straße anzusprechen. Deshalb schirmt er sich in der Öffentlichkeit mit einer Sonnenbrille ab. Grundsätzlich betrachtet er das Zeitgeschehen um ihn herum mit Distanz und Skepsis.
In Japan sei die junge Generation auf Videospiele fixiert. Und in Amerika, das für ihn früher einmal künstlerische Freiheit bedeutete, herrsche heute ein nationalistischer Geist, in dem er sich nicht mehr wohl fühlt. Also tritt er den langsamen Rück zug nach Tokio an. Architektur- und Land- Art-Projekte interessieren ihn heute mehr als die Fotografie.
Nahe seiner Heimatstadt kaufte er einen mit Orangenbäumen bewachsenen Hügel. Dort plant er, ein japanisches Noh-Theater zu bauen. Mit unter irdischen Tunnelsystemen und einer Kammer, in der die Schauspieler mit ihrer spirituellen Seite Kontakt aufnehmen, bevor sie in Kostümen die Bühne oberhalb der Erde betreten.
Von den traditionellen Noh- Schauspielen fühlt sich Sugimoto angezogen, weil sie die Sprache seiner Bilder sprechen: Sie sind äußert langsam, sparsam in ihren Bewegungen.
Soll die Welt ruhig immer schneller rotieren. Wieder einmal bewegt sich der Künstler in die gegensätzliche Richtung und zelebriert den Moment des Innehaltens. "Ich bin eben ein altmodischer Mensch", sagt Sugimoto, und er klingt stolz dabei.
Ausstellung: bis 6. Januar 2008. Weitere Station:
Museum der Moderne - Mönchsberg, Salzburg, 8. März bis 15. Juni 2008. Katalog: Hatje Cantz Verlag, Neuauflage auf Deutsch, 49,80 Euro, im Buchhandel 68 Euro. Internet: www. kunstsammlung.de Weitere Ausstellung: Villa Manin, Codroipo/Italien, bis 30. September
Perfekte Harmonie zwischen Wasser und Luft: Das Foto "Baltic Sea, Rügen" (1996, 119 x 149 cm) entstand auf der deutschen Ostseeinsel
Auf solche Momente wartet Sugimoto oft tagelang: "North Atlantic Ocean, Cape Breton Island" (1996, 119 x 149 cm)
Architekturfotografien von Baudenkmalen wie dem "Guggenheim Museum, New York" (1997, 149 x 119 cm) oder dem "Chrysler Building" (rechts, 1997, 149 x 119 cm) konzentrieren sich durch bewusst gewählte Unschärfe auf die Form
"Ohio Theater, Ohio" (1980, 119 x 149 cm): Für seine Serie "Theaters" fotografierte Sugimoto alte Kinosäle
Hiroshi Sugimoto in seinem Atelier im New Yorker Galerienviertel Chelsea
Die Belichtung von Fotos wie "Byrd, Richmond" (1993, 119 x 149 cm) dauerte die ganze Länge eines Kinofilms
Wenn man sich den Zustand der Meditation als Bild vorstellt, sähe er so aus wie Sugimotos Ozeanstudien
"Fotografie funktioniert wie eine Zeitmaschine.
Sie bewegt sich rückwärts und erschafft Geschichte neu"
Lebendiger als in natura: Die Porträts von "Napoleon Bonaparte" und "Diana Princess of Wales" (beide 1999, 149 x 119 cm) entstanden im Wachsfigurenkabinett
