Ausgabe: 09 / 2007
Seite: 52-57
Die Tüte ist der Kopf
Von Mirja Rosenau
Er sammelt Stoffe, Bilder, Gegenstände, als wolle er die ganze Welt in sein Atelier holen. In den Werken des 40-jährigen Tal R tauchen die Dinge dann in einer eigensinnigen Ordnung wieder auf - nun zu sehen in einer Ausstellung bei Kopenhagen
Für Kürbisse interessiert sich Tal R jetzt nicht mehr. Die Zeiten, in denen er mit dem Messer auf sie einhackte, ihnen Gesichter verpasste, sie in Stiefel steckte, zu Kürbistürmen stapelte und dann die wackligen Gebilde schnellstmöglich zum Metallgießer brachte, liegen hinter ihm. 32 Skulpturen sind auf diese Art entstanden ("Fruits", 2005/06), und wenn Tal R jetzt einen Kürbis sieht, "ist es nur noch ein Kürbis".
Das heißt: Nichts, das er noch einmal "in die Tasche aufnehmen" wollte oder dem er jemals wieder "eine Insel aufmachen" würde. Die Früchte- Insel ist geschlossen, und für den Künstler führt kein Weg zurück.
Wenn Tal R über seine Kunst redet, spricht er in Metaphern: von Taschen - sie müssen voll sein, damit die Ausführung einer Idee beginnen kann -, von Inseln, die er auch "Spielflächen", "Arena" oder einfach ein Stück Atelierfußboden nennt. Inseln werden eröffnet, wenn er ein neues Projekt beginnt, und geschlossen, wenn er eine Disziplin für sein Empfinden zu gut beherrscht. Seine sämtlichen Projektinseln, für die der Künstler zunächst Atelierräume quer durch die Stadt angemietet hatte, wurden vor wenigen Monaten in einer Lagerhalle am Rand von Kopenhagen zusammengelegt. "Palace" steht draußen am Klingelschild; die Buchstaben wurden unheilverkündend auf den Kopf gestellt. Doch das Palastinnere wirkt aufgeräumt:
Hunderte von Stoffen, die der Künstler über Jah re in aller Welt zusammengesammelt hat, wurden gebügelt, gefaltet und nach Farben sortiert; eine Nähmaschine wartet auf einem blanken Tisch auf den Beginn des nächsten Stoffprojekts. Nebenan wird aus Büchern und Zeitschriften ausgeschnittenes Bildmaterial nach Gruppen geordnet und systematisch auf sechs große Explosionscollagen ("Adieu Interesting") aufgebracht. Auf einer anderen Spielfläche wird in großem Maßstab mit Papiermaché experimentiert, ein Stück Atelierfußboden ist ausschließlich für sein aktuelles Malereiprojekt reserviert. Ein einladend großer Tisch hält am Rande Ateliermitarbeiter und Gäste bei Blumen, Kuchen und Tee zusammen.
Tal Rs Palast präsentiert sich als freundlicher Ort: so übersichtlich wie die Bilderbuchwelten, die er motivisch in seinen frühen Arbeiten zitiert; so harmlos wie die Schmetterlinge, haushohen Pilze und in Hängematten faulenzenden Riesen, die er auf Papier und Leinwand getuscht, geklebt, geschmiert und gekleckst hat, als sei ein Erstklässler am Werk.
Doch hier wie dort stößt man schnell auf das, was der Künstler die "Fliegen im Kuchen" nennt:
Denn wie Tal R neben Blumen und Regenbögen auch Panzer und Hitler, Grabsteine und Totenköpfe, heruntergelassene Hosen, im Regen stehende Penisse und andere trübe Szenarien in seine Bilder einbaut, so versichert der Künstler glaubhaft, dass seine Ordnung einem veritablen Chaos entspringt:
Bergen von Material ("vom Boden bis unter die Decke"), einem raumfüllenden Kompott aus überreifen Früchten, abgenagten Knochen und alten Wanderstiefeln, einfach "allem möglichen Schrott", den er in sein Atelier hineinträgt. ls "Mann der Plastiktüten" hat Tal R angefangen, als Sammler von "Kolbojnik" (was im Jiddischen den Abfall eines Kollektivs bezeichnet), als jemand, der im Aufheben dessen, was andere wegwerfen, sein Potenzial erkennt. Von überall her geht Material in seine Tüten ein:
Zeug, das er bei Grillpartys und in Damenboutiquen findet; Bilder, die er Handarbeitszeitschriften und Pornos ebenso wie Geschichtsbüchern und Kunstkatalogen entnimmt. "Alles Bildungsgut", sagt Tal R, "ist allein dazu da, von jemandem aufgehoben zu werden." Das Titelbild eines Künstlerbuches ("Viva Ultra", 2000) zeigt einen Mann, der eine gefüllte Plastiktüte vor sich in die Höhe hält. "Die Tüte", erläutert der Künstler, "ist sozusagen sein Kopf." Als Maler habe er angefangen, dann habe die Malerei ihn wieder "rausgeschmissen", erzählt Tal R, der 1986 bis 1988 an der Billedskolen und 1994 bis 2000 an der Königlichen Kunstakademie in Kopenhagen studiert und parallel auch immer selbst unterrichtet hat - die ganze Kunstgeschichte, das ganze in den Schulen vermittelte Wissen, habe ihn eingeschüchtert und in seiner Entfaltung blockiert. Doch dann habe er "ganz klein, ganz von vorn" wieder angefangen zu malen und die empfundene Scham und Scheu, das von ihm sogenannte "Grand Embarrassment", als seine große Chance erkannt. Und wenn Tal R, der 1967 in Tel Aviv geboren wurde, in Dänemark aufwuchs und mit amtlichem Namen Tal Rosenzweig heißt, für seine Kindheit und Jugend die Erfahrung als prägend beschreibt, "zwischen zwei Stühlen zu sitzen, herumzutreiben wie ein Korken im Wasser", so hat er mit seiner Kunst in diesem Wasser schließlich sein Inselreich gegründet, im Dazwischen den Palast einer "dritten, eigenen Sprache" errichtet und das Herumtreiben als eine effektive Fortbewegungsart erkannt. Mit anderen Worten:
Er hat seine eigenen Methoden entwickelt, Geschichte zu schreiben.
Und während Tal R seine Plastiktüten zunächst in vielschichtige Collagen entleerte, die voller Schöpfungsmetaphern und homozentrischer Symbole sind (Mandalas, Strah lenbündel, Kristalle); während Früchte, Zeichnungen, Stoffbälle und Gemeinschaftsprojekte mit anderen Künstlern - unter anderem die Installation "MOR" ("Mutter", 2005) mit Jonathan Meese - kamen und gin gen, trägt der Künstler seine komplexesten Schichtungen nun wieder selbstbewusst auf der Leinwand aus.
Die Geschichten, die die Bilder erzählen, sind oft schnell zu entschlüsseln.
"Die einzig brillante Idee, die sie zu bieten haben", sagt Tal R, "liegt im Entstehungsprozess. Was man von einem Künstler lernen kann, ist der Antrieb hinter einem Bild, die Art, wie er mit seinem Material arbeitet, die Mechanik hinter seiner Idee" - und diese Mechanik gilt es von Idee zu Idee neu zu erfinden.
Er selbst hat sich an einzelnen Verfahren von Cobra-Künstlern oder der russischen Avantgarde geschult; den Mitteln, mit denen Edvard Munch eine Bettdecke mit wenigen Strichen zum Blickfang erhob oder Asger Jorn kurz vor seinem Tod einen "Tonklumpen so zurückließ, als habe er ihn noch einmal umarmt". Die Wahl der Strategien, mit denen man "eine Idee durch die Farbe hindurchzieht", entscheide schließlich über Schönheit und große Kunst, den Moment, in dem sich der Inhalt der Taschen und Tüten, die ganzen persönlichen Interessen im Bild "auf die Zehenspitzen stellen, wie ein Golem erheben".
Tal R trägt seine Findungsprozesse gut sichtbar auf der Leinwand aus, sodass die Methode selbst Bild wird: Indem er Weißräume freihält, innerhalb derer Bleistiftskizzen, Farbabstriche, Signaturen und - rein fiktive - Produktionsdaten auf das Herstellungsverfahren aufmerksam machen.
Indem er mittels eines farbigen Balkens am unteren Bildrand das Gemälde in seiner Materialität der Schwerkraft unterstellt. Indem er mithilfe einer willkürlichen Begrenzung seiner Palette auf sieben Farben - Pink, Gelb, Braun, Schwarz, Grün, Weiß, Rot - den Betrachter sanft auf ein methodisches Sehen einzwingt, oder auch indem er ihm mit auf den Kopf gestellten oder anderweitig gestörten Fluchtlinien demonstrativ die perspektivische Orientierung nimmt.
Und wenn Tal R - etwa unter freier Verwendung des Munchschen Bettdeckenmusters - den Blick vom privilegierten Bildzentrum weg auf Randund Zwischenbereiche lenkt (den Rahmen oder auch dezentrierte Figuren), spiegelt die Leinwand im Kleinen das große Projekt, das im Rahmen kollektiver Geschichte den Nebenschauplatz des Individuellen mit äußerster Aufmerksamkeit bedenkt.
"The Sum" hat Tal R seine aktuelle Ausstellung im Louisiana Museum for Moderne Kunst in Humblebæk genannt, in der sein Palastinventar nun seine vertrackte Schönheit entfaltet.
Neben 17 Gemälden eines seit 2004 entwickelten Zyklus zeigt sie sieben Kisten voller Quellenmaterial und rund 200 seit der Studienzeit angefertigte Radierungen. Eine Summe - das muss heißen, dass eine weitere Insel geschlossen wird, der Künstler "in die nächste Arena einzieht, in der man nicht wissen kann, was genau oben und was unten ist", ein Aufbruch zu neuen Ufern. Womöglich ohne einen einzigen Farbtopf an Bord, ganz sicher aber ohne jeden Kürbis in der Tasche.
Ausstellungen: "The Sum": 5. September bis 2. Dezember, Louisiana Museum for Moderne Kunst, Humblebæk; danach Bonnefanten Museum, Maastricht und Camden Art Center, London.
"Fruits": bis 9. September, Kunsthalle Mannheim.
Kataloge: "The Sum": 175 dänische Kronen.
"Fruits": 30 Euro. Internet: www.louisiana.dk, www.kunsthalle-mannheim.de Galerie: Contemporary Fine Arts, Berlin, www.cfa-berlin.com
Links "Strawberry" (2006, Bronze, Höhe 72 cm).
Rechts der Künstler vor einer "Adieu Interesting"- Collage (in Arbeit)
Der Künstler hatte die Malerei schon aufgegeben, die Last der Kunstgeschichte schien ihm zu schwer
Geschichtete Informationen: "Working hard during the day, naked at night" (1997/2000, Collage, 251 x 274 cm)
"Dutch" (2004, Öl und Papier auf Leinwand, 250 x 250 cm)
"Superway" (2004, Öl auf Leinwand, 200 x 200 cm)
"The Friend" (2007, Öl auf Leinwand, 200 x 200 cm)
Die Bilder von Tal R haben vor allem einen Inhalt:
Sie erzählen vom Prozess ihrer eigenen Entstehung
Jedes Projekt hat seine Insel: Tal R in seinem Kopenhagener Atelier
