Ausgabe: 09 / 2007
Seite: 66-73

Peters Pop- Kabinett

Von Hans Pietsch

Die Tate Liverpool feiert den großen Pionier der britischen Pop Art. Peter Blake, 75, sucht die Wahrheit der Welt auf dem Trödelmarkt und möchte nicht mehr auf sein berühmtes "Sgt. Pepper"- Cover angesprochen werden

E igentlich war ich davon ausgegangen, dass in Peter Blakes Atelier völliges Chaos herrscht. Ich hatte mir seine berühmte Kuriositätensammlung als ein wildes Sammelsurium vorgestellt: Zinnsoldaten und Postkarten, Comics und Kinderstühlchen, Zirkusplakate und Spieluhren, aber auch ausgestopfte Tiere und eine Krankenschwesteruniform aus dem Ersten Weltkrieg. Alles übereinander und durcheinander, und dazwischen der Künstler, überwältigt von der Fülle in den nicht enden wollenden Räumen auf zwei Stockwerken.

Weit gefehlt, die Exponate sind, wie in einem Museum, fein säuberlich geordnet, auf Tischen, Regalen, in Kis ten. Akkurat, adrett, sogar teilweise beschriftet. Wie der Mann selbst: dunkler Anzug mit Weste, offenes weißes Seidenhemd und weißer Kinnbart.

Ein rundlicher, freundlicher Father Christmas, der seine Worte mit Bedacht wählt. Die flinken Augen hinter den großen Brillengläsern verraten aber seinen subversiven Humor, der in seinem Werk immer wieder aufblitzt.

Blakes Sammelwut hat etwas total Verrücktes und doch Methode. Da ist jemand am Werk, der die Dinglichkeit der Welt liebt, der Objekte dem Vergessen entreißen möchte, indem er sie hortet. Jemand, der nie so ganz erwachsen wurde. Mit 14 fing er an:

Nach seinem ersten Tag an der Kunstschule kaufte er auf dem Nachhauseweg bei einem Trödler ein lackiertes Tablett mit Einlegearbeiten sowie eine ledergebundene Shakespeare-Gesamtausgabe.

Beide Objekte besitzt er heute noch. Seither ist er bei Trödlern und auf Flohmärkten bester Kunde, immer auf der Suche nach Alltäglichem und Ausgefallenem, nach dem, was andere links liegen lassen.

Sammeln als eine Art Autobiografie also. Es ist, als führe er durch das Anhäufen von Objekten Tagebuch.

Aber auch Sammeln für die Arbeit.

"Vor etwa zehn Jahren habe ich eine Collagenserie mit dem Titel 'The Museum of the Colour White' gemacht.

Damals sammelte ich weiße Objekte.

Gerade sitze ich an einer weiteren Serie, dieses Mal mit schwarz-weißen Objekten." Peter Blake ist einer der Ziehväter der britischen Pop Art, ein englischer Roy Lichtenstein oder ein Robert Rauschen berg mit Londoner Akzent. Den Arbeiter sohn aus einem Ostlondoner Vorort faszinierte schon früh populäre Unterhaltung: Zirkus, Varieté, Catcher, Elvis Presley, Tarzan. "Ich wollte Kunst machen, die so unmittelbar zugänglich ist wie Popmusik", sagt er.

Das gelang ihm aber nur bedingt. "Als ich ein Elvis-Porträt malte, hatte ich mir vorgestellt, dass 19-jährige Fans davon begeistert sein würden. Das ging leider daneben." Obwohl Blake auch heute noch eng mit den Swinging Sixties in Verbindung gebracht wird, datiert er selbst den Beginn seiner Pop-Phase auf Mitte der fünfziger Jahre. Das noch während seiner Studentenzeit am Royal College of Art entstandene "On the Bal cony" (1955/57) mit seiner handgemalten Reproduktion des berühmten Gemäldes von Edouard Manet, Arbeiten von Kommilitonen sowie auf Fotos zurückgehenden Porträts der königli chen Familie gilt ebenso als Ikone der frühen britischen Pop Art wie sein "Selfportrait with Badges" (1961), auf dem er sich in einer mit Ansteckern geschmückten Jeansjacke zeigt.

An der Gravesend School of Art, einer winzigen Kunstschule östlich von London, genoss er unmittelbar nach dem Krieg eine völlig auf das Handwerkliche ausgerichtete Kunstausbildung - Malerei, Grafik, Design, Schriftsetzen, sogar Möbelschreinerei.

Davon zehrt er noch heute und war sich nie zu gut, auch Kommerzkunst zu machen. Trotzdem ist er es leid, immer wieder auf seinen Entwurf für das Album "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" der Beatles angesprochen zu werden. Ja, die Collage hat ihn berühmt gemacht, und er steht zu ihr: Eine der Figuren auf der Hülle, Boxer Sonny Liston im weißen Bademantel, begrüßt den Besucher am Eingang des Ateliers. Lebensgroß.

Doch "Sgt. Pepper" ist nicht das einzige Albumcover, das er entworfen hat.

Auch für den Bluesgitarristen Eric Clapton und den Ex-Beach-Boy Brian Wilson setzte Peter Blake seinen Designer-Hut auf, für das weltweite Benefizkonzert "Live 8" im Sommer 2005 entwarf er das Plakat.

Außerdem hat er eigentlich auch keine Lust, über seine Zeit als Mitglied der Ruralisten zu sprechen, einer von ihm mitgegründeten Gruppe von Malern, die in den siebziger Jahren aufs Land zogen, wallende Gewänder trugen und von den Präraffaeliten angeregte kitschig-romantische Kunst produzierten. Seine Ehe ging darüber in die Brüche, er kehrte nach London zurück und knüpfte dort wieder an, wo er aufgehört hatte - "Sie wissen schon: Elvis, Tarzan, die Catcher, Robin Hood".

M it Vergnügen spricht er dagegen über Marcel Duchamp.

"Er war ungeheuer wichtig für mich als junger Künstler", sagt er. Auf der kürzlich entstandenen Gemäldeserie "Marcel Duchamp's World Tour" reist der Erfinder der Konzeptkunst mit dem Tourneebus umher und trifft einige der Figuren aus Blakes Welt: die Tarzan-Familie und Elvis Presley, die Freaks aus dem Zirkus Barnum & Bailey, aber auch Künstler wie Pablo Picasso und den als Watteau-Pierrot verkleideten Damien Hirst. "Die Young British Artists wären ohne ihn nicht denkbar", sagt Blake. Bescheidenheit verbietet es ihm hinzuzufügen, dass sie sich auch immer wieder auf seine Kunst berufen.

1997, als er 65 wurde, kündigte er an, er werde in Rente gehen, sich zurückziehen.

Aber nicht vom Kunstmachen, sondern "von den Eifersüchteleien, Bosheiten und Eitelkeiten des Kunstbetriebs, die ich satt hatte". Und verglich seine Karriere als Künstler mit einem aus mehreren Akten bestehenden Theaterstück - Pop Art, Ruralismus et cetera. Als eine Art Zugabe läutete er dann seinen Altersstil ein.

"Normalerweise bestimmen andere, wann der Spätstil eines Künstlers beginnt.

Es ist wunderbar befreiend, den Zeitpunkt selbst bestimmen zu können", erklärt Blake.

Seine Retrospektive in Liverpool konzentriert sich ganz auf seine Malerei.

Sie endet mit der nun fertigen Serie über Marcel Duchamp. "Das bin ich ja eigentlich: ein Maler", sagt er.

Und deutet auf einen lebensgroßen weiblichen Akt auf einer Staffelei, der nur in Umrissen aus der Leinwand heraustritt. "Ich arbeite gerade an meinen ersten sechs 'Spätwerken', die auf etwas zurückgreifen, was ich aus meiner Zeit als Kunststudent in den späten vierziger Jahren kenne." Die Aktmodelle brachten immer auch irgendwelche Kostüme mit, erläutert er, damit die Studenten sie nicht nur nackt, sondern auch angezogen zeichnen konnten. Drei dieser erklärten Spätwerke werden in der Tate-Schau gezeigt. Wenn sie nicht ganz fertig sind, macht es auch nichts. "Solange klar ist, dass ich an diesen Gemälden noch arbeite, kann das für den Betrachter sogar äußerst lehrreich sein." Eine seiner bekanntesten Arbeiten, die über sieben Jahre entstandene "Titania" (1976 bis 1983), stellte er insgesamt achtmal aus, in verschiedenen Arbeitsphasen. "Ich werde oft gefragt, warum ich male", sagt er. "Meine Antwort ist: um zu zaubern. Ich glaube wirklich, dass meine Kunst zaubert - wenn sie gut ist."

Termin: bis 23. September.

Katalog: Tate Publishing, 24,99 Pfund.

Internet: www.tate.org.uk/liverpool Galerie: Waddington Galleries, London. Tel. (00 44) 20 78 51 22 00. www.waddington-galleries.com

Seit seiner Kindheit ein manischer Sammler:

Peter Blake in seinem Londoner Atelier (Foto:

Dominik Gigler)

Vorherige Seiten: Zwei Bilder aus der Serie "Marcel Duchamp's World Tour": "He meets the Spice Girls and Elvis" (links, 2000/05, 122 x 91 cm) und "The Artist's Fancy Dress Ball" (2004, 127 x 97 cm) - Blakes Hommage an sein großes Vorbild. Diese Seite: Der Siebdruck "Beach Boys" (1964, 53 x 31 cm, oben) zeigt die damals sehr populäre kalifornische Band, "On the Balcony" (1955/57, 121 x 91 cm, rechte Seite) ist ein frühes Meisterwerk der Pop Art

Pop-Klassiker: Cover des Beatles-Albums "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" (1967)

"Ich wollte Kunst machen, die so zugänglich ist wie Popmusik"

Der Künstler als Popfan: "Selfportrait with Badges" (1961, 174 x 122 cm)