Ausgabe: 09 / 2007
Seite: 120-121

Manhattan an der Maas

Von Kerstin Schweighfer

Architektur: Rotterdam lässt sich am besten mit dem Fahrrad erkunden. Eine Rundfahrt durch die "Architekturstadt 2007"

V on wegen, Paradies für Radf ahrer! Auf der kühn gespannten Erasmusbrücke jedenfalls, dem Wahrzeichen Rotterdams, kommt man sich vor wie auf einer Bergetappe der Tour de France. Wobei der Nordseewind grundsätzlich von vorn kommt.

Doch der sportliche Ehrgeiz wird belohnt. Auf dem höchsten Punkt über der Maas zieht die prächtige Aussicht auf Skyline und Hafenanlagen selbst Einheimische so in ihren Bann, dass sie unachtsam werden: "Hoppla, meine Mütze", ruft Dagmar Veenstra und springt vom Sattel, um ihrer Kopfbedeckung hinterherzurennen.

Die 28-jährige Städtebauexpertin leitet Stadtführungen auf dem Rad - die wohl sportlichste und auch holländischste Art, die Stadt mit dem größten Hafen Europas kennenzulernen, die sich dieses Jahr zur "Architekturstadt 2007" ausgerufen hat.

Bei der Kunsthalle von Rem Koolhaas wird ebenso Halt gemacht wie beim Niederländischen Architekturinstitut von Jo Coenen. Das zum Fotomuseum umfunktionierte Lagerhaus Las Palmas mit seinem schwungvollen Glaswellendach steht auf dem Programm, und natürlich radelt man auch an den verrückten Kubus-Wohnungen von Piet Blom vorbei: gelbe Häuser in der Form von Würfeln, die auf eine ihrer Ecken gestellt wurden, sodass die Bewohner zwischen schiefen Wänden leben.

"Lange Zeit dachten viele bei Rotterdam nur an Industrie und Hafen", erzählt Dagmar Veenstra.

Oder an den 14. Mai 1940, als deutsche Bomber das Zentrum mit dem Grachtengürtel ausradierten.

"Stadt ohne Herz" wurde Rotterdam deshalb genannt.

Doch nach dem Krieg schauten die Stadtväter konsequent nach vorne und bauten Rotterdam als modernes "" wieder auf. So wurde die zweitgrößte Stadt der Niederlande zum Mekka für Architekturfans.

Nirgendwo sonst in Europa gibt es pro Quadratmeter so viele Architekturbüros. Architekturstudenten aus aller Welt wollen ihr Praktikum in Rotterdam absolvieren. Und immer wieder werden Besucher von der Dynamik dieser Stadt überrascht: "Das ist schon aufregend", findet auch Nicolaus Schafhausen, deutscher Biennale-Kurator und seit 2006 Direktor des Rotterdamer Kunstzentrums Witte de With. "Das ist eine Stadt, die sich völlig neu erfindet.

Es ist nicht immer gute Architektur, aber eine relativ progressive - das gefällt mir gut." Zu den aufregendsten architektonischen Spielwiesen gehört der "Kop van Zuid", eine ehemalige Hafenlandzunge im Süden.

Statt Kränen ragen jetzt Wolkenkratzer aus Stahl und Glas in den Himmel: das World Port Cent re von Norman Foster zum Beispiel; Renzo Pianos schräger Tele com-Turm; und Montevideo, mit 152 Metern der höchste Wohnturm der Niederlande, erbaut von Mecanoo. Nach amerikanischem Vorbild haben die Bewohner ihr eigenes Schwimmbad und einen Fitnessclub. Ziel ist es, wohlhabende Mittelständler aus dem "Speckgürtel" zurück in die Stadt zu holen. In Kürze sollen deshalb weitere Wohntürme von Álvaro Siza und Koolhaas folgen.

Manchen Rotterdamern allerdings ist das alles zu modern ausgefallen. Denn der Kop van Zuid zählt zu den wenigen nostalgischen Orten der Stadt. Hier liegt der Wilhelminapier, wo zehntausende von Europäern auf Schiffen der Holland-Amerika- Linie (HAL) in die Neue Welt auswanderten. Die alten Abfahrtsund Ankunftshallen wurden für Kreuzfahrtschiffe renoviert. Und aus dem alten HAL-Verwaltungsgebäude ist ein beliebtes Hotel geworden.

Doch der Backsteinbau mit seinen zwei Kupferdachtürmchen wird von den Wolkenkratzern rechts und links regelrecht erdrückt.

"Das ist alles viel zu hoch ausgefallen", schimpft der alte Kapitän Kees de Keijzer. "Man sieht ja nur noch Aluminium, Stahl und Beton!" Dennoch ist auch er stolz darauf, dass sich Rotterdam zu einer Kunst- und Kulturstadt entwickelt hat. Und manche Neubauten, so räumt er ein, seien ja durchaus gelungen.

Die blau-weiße Hochschule für Schifffahrt und Transport etwa vom Büro Neutelings Riedijk im Lloyd-Quartier. Hier geht die Zukunft weiter, hier sollen neue Wohnungen entstehen, Läden und Restaurants: "Diese Stadt ist nie fertig", sagt Dagmar Veenstra zum Abschluss ihrer Führung.

Rotterdam sei keine einfache Stadt, man müsse sich schon die Mühe machen, sie zu erobern:

"Ihr historisches Herz hat sie für immer verloren, aber dafür hat sie viele kleine neue Herzen bekommen, die nun langsam zusammenwachsen."

Kasten:

Führungen: Architektur-Führungen aller Art bietet archiguides an, Conradstraat 6, 3013 AP Rotterdam, Tel. (0031) 104332231, www.rotterdam-archiguides.nl.

Audiotouren gibt es über VVV Rotterdam Store, Coolsingel 5, und als Download ("Sites & Stories") über www.rotterdam2007.nl Ausstellungen im Niederländischen Architekturinstitut NAI:

3. Internationale Architekturbiennale (Thema: die Stadt der Zukunft), bis 2. September (gemeinsam mit der Kunsthalle). "Le Corbusier - The Art of Architecture", bis 2. September. P. J. H. Cuypers - Retrospektive, 22. September bis 6. Januar 2008. www.nai.nl Literatur: Paul Groenendijk, Piet Vollaard: Architectural Guide to Rotterdam, niederländisch/englisch, 010 Verlag, 2007 Internet: www.rotterdam2007.nl

Bildunterschrift: art-Korrespondentin Kerstin Schweighöfer - unterwegs mit Fahrrad und Stadtplan

Links Ben van Berkels Erasmusbrücke (1996), rechts der höchste Wohnturm der Niederlande: der Montevideo-Tower von Mecanoo (2005)

Die Hochschule für Schifffahrt und Transport von Neutelings Riedijk (2005)

Oben: EGMs Witte-de-With-Wohnturm (2003, links) und Huig Maaskants Euromast (1960, rechts), unten: Jo Coenens Architekturinstitut (1993)

Wohnen in Schieflage: Kubus-Häuser von Piet Blom (1984)

KERSTIN SCHWEIGHÖFER