Ausgabe: 09 / 2007
Seite: 122
Geschäfte mit aktivem Sehnerv
Von Sandra Danicke
Buch: Ein Kunsthistoriker und ein Wirtschaftswissenschaftler erklären, was Unternehmer von Kunst lernen können
Welchen Nutzen hat Kunst für die Wirtschaft? Am Beispiel der Unternehmerberatung Droege & Comp. hat der Kunsthistoriker Michael Bockemühl mit dem Betriebswirtschaftler Thomas K. Scheffold untersucht, was Firmen von der Kunst lernen können. Ihre Erkenntnisse veröffentlichten sie in dem Buch "Das Wie am Was" (Frankfurter Allgemeine Buch, 59 Euro).
Herr Bockemühl, was bedeutet der kryptische Titel?
Ein Künstler fragt sich ja nicht nur was, sondern vor allem wie er etwas gestalten will. Das lateinische Qualitas heißt ja nichts anderes als die Wieheit. Im Wie, also in der Form, liegt das Eigentliche der Kunst.
Was hat das mit Wirtschaft zu tun?
Wir haben uns gefragt: Könnte man nicht die hohe Qualität, die ein Kunstwerk erreichen kann, für ein gesteigertes Qualitäts bewusstsein auch in der Beratung nutzen? Das haben wir dann einfach ausprobiert.
Ich habe ja einen Lehrstuhl an der Universität Witten/Herdecke und übe mit meinen Studenten - das sind keine Kunst-, sondern Wirtschaftswissenschaftler - bereits seit Jahren die Kunst des Sehens.
Können Sie ein Beispiel geben?
Es gibt ein Bild von Paul Klee, das heißt "Alter Klang". Kurz gesagt sieht es aus wie ein Schachbrett, aber mit vielen verschiedenen Farben. Eines dieser Rechtecke ist leuchtend rot. Wenn Sie das abdecken, dann ändert sich nicht nur diese eine Stelle dort, sondern zugleich der Kontext aller Farben untereinander. Wenn Sie in einem Unternehmen - vor allem in der Führungsspitze - jemanden rausnehmen, verändern sich ganz entsprechend die Verhältnisse aller anderen zueinander.
Oder ein Bild von Günter Umberg, das ist auf den ersten Blick tiefschwarz. Erst wenn man länger hinschaut, kommen alle möglichen Farben und Formen zum Vorschein. Nicht, weil das Bild sich verändert, sondern weil der Sehnerv aktiv wird. Daraus kann man eine ganze Philosophie ableiten: Beratung wird am wirksamsten, wenn es ein Beitrag zur Eigenentwicklung des Kunden ist.
Das gilt doch auch für andere Berufe.
Ganz richtig. Das Buch ist zwar so geschrieben, als ginge es nur um Wirtschaft, aber letztlich können Sie das auch für die Medizin verwenden.
Stellen Sie sich mal vor, ein Arzt würde wirklich hingucken und direkt wahrnehmen, was mit seinem Patienten los ist, dann könnte er seine Untersuchungen gezielter anstellen und müsste nicht nur auf die Zahlen der Blutprobe gucken. Es gibt also viele Bereiche, zum Beispiel Ökologie oder Pädagogik, in denen die Gesetze, die man an der Kunst beobachten kann, positiv eingesetzt werden können.
