Ausgabe: 09 / 2007
Seite: 98
Ufos über dem Zauberwald
Von Manfred Schwarz
WUPPERTAL: DER SYMBOLISMUS UND DIE KUNST DER GEGENWART
Eine Ausstellung im Von-der-Heydt- Museum verbindet die Malerei des Fin de Siècle mit Positionen der zeitgenössischen Kunst. Nur zwei Dinge hätten die Vorfahren uns hinterlassen: zierliche Möbel und gereizte Nerven. Mit dieser Bilanz hat Hugo von Hofmannsthal das Lebensgefühl einer Generation ausgedrückt, die sich Ende des 19. Jahrhunderts fremd in einer von Fortschrittsoptimismus, Pragmatismus und kapitalistischem Eifer bestimmten bürgerlichen Gesellschaft fühlte und in der Abkehr vom "brausenden Lärm des unerbittlichen Lebens" (J. K. Huysmans) in künstlichen Paradiesen Zuflucht fand. Überdruss am banalen Alltag, Langeweile und Nervosität verlockten sie zum Kult des Raren und Bizarren, zum köstlichsten Eskapismus und zur abgründigsten Introspektion. "Man treibt Anatomie des eigenen Seelenlebens", bemerkte Hofmannsthal, "oder man träumt." In der parfümgeschwängerten Treibhausluft des Fin de Siècle ist die Malerei des Symbolismus entstanden, von den golden schimmernden Ekstasen eines Gustave Moreau bis zu den verhuschten Feenwesen Pierre Puvis de Chavannes - als Abwehrzauber gegen Positivismus und Naturalismus. Und weil einerseits überlegenswert wäre, inwieweit unser Lebensgefühl derzeit einen ähnli chen Eskapismus fördert, andererseits in der figurativen Malerei der letzten Jahre mühelos symbolistische Tendenzen zu finden sind, bietet das Von-der-Heydt- Museum nun eine anregende Bestandsaufnahme mit rund 150 Werken beider Epochen. Die Fabelwesen Matthew Barneys, Jonathan Meeses schwergerüstete Walkürenritte durch die Zeichenarsenale, Amie Dickes poppig-psychedelische Femme Fatales mit Klimtschen Mähnen oder Glenn Browns halluzinative Panoramen, die Arnold Böcklin ebenso viel verdanken wie Perry Rhodan, fügen sich in dieser von Ute Riese vorzüglich organisierten Schau vortrefflich zum repräsentativen Symbolistenreigen zwischen Johann Heinrich Füssli und Edvard Munch: rätselhafte Welt fluchten durch den Zauberwald der Formen, auf dem Rücken der Sphinx oder im erhaben gleitenden Ufo.
Termin: bis 30. September.
Katalog: Von-der-Heydt-Museum, 20 Euro.
Internet: www.von-der-heydt-museum.de
