Ausgabe: 09 / 2007
Seite: 115-116
Kreative Mischkalkulation
Von Till Briegleb
Museen: Wer sich große Ausstellungen leisten will, muss Drittmittel akquirieren
Es erscheint wie der biblische Wunderbericht der Brotvermehrung: Zahlreiche deutsche Kunstinstitute erhalten zwar staatliche Zuwendungen, aber keinen Cent für den Ausstellungsetat - und dennoch wuchten sie ein umfangreiches Schauprogramm.
Die Staatlichen Museen zu Berlin vermelden in dem Bereich ebenso eine Null wie die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, die Deichtorhallen in Hamburg, die Kestnergesellschaft in Hannover oder die Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig.
Die zurückgegangenen öffentlichen Subventionen decken häufig kaum noch die Betriebskosten, Geld für die eigentliche Kunst muss dazuverdient werden. Und eine große Ausstellung wie die am 13. Oktober beginnende Schau "Paula Modersohn-Becker und die Kunst in Paris um 1900" in der Kunsthalle Bremen kostet zirka 4,5 Millionen Euro.
Gefragt ist die Kreativität der Mischkalkulation. Die Deichtorhallen verdienen sich einen Großteil ihres Ausstellungsetats durch die Vermietung von Parkplätzen.
Dazu kommt wie bei den meisten Institutionen die kommerzielle Zweckentfremdung der Immobilie.
Bis 20 000 Euro Tagesmiete kostet es, in Ausstellungsinstituten wie dem Hamburger Bahnhof in Berlin oder den Deichtorhallen in Hamburg einen Event zu veranstalten. Die Leiterin der Leipziger Galerie für Zeitgenössische Kunst, Barbara Steiner, erklärt diesen Trend sogar zur Ausstellungsoffensive:
Sie vermietet ihre Räume ab 2008 zwei Jahre an Gastkuratoren (art 5/2007).
Meist gleichen private und öffentliche Stiftungen, Fördervereine und Freundeskreise, EU-Gelder und Sponsoren den Wegfall der staatlichen Fürsorge aus. Wobei abhängig vom Programm unterschiedliche Kombinationen wirksam sind: Konzept-Ausstellungen akquirieren eher Stiftungsgelder, Einzelschauen und Blockbuster locken Private.
Wofür keine Fremdmittel eingeworben werden können, das muss durch andere Veranstaltungen, Eintrittsgelder oder Mieteinnahmen bestritten werden - wobei auch die von potenziellen Förderern geschmähten Ausstellungen manchmal zum Publikumsrenner werden können. Wie etwa die Schau "Gewahrsam. Räume der Überwachung" des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt/Main, die Sponsoren zu heikel war, aber beim Publikum so gut ankam, dass sie um drei Monate verlängert wurde (bis 30. September).
Kleine Institute wie der Kunstverein Hannover werben jährlich um die 300 000 Euro ein, große Häuser wie die Schirn Kunsthalle Frankfurt im letzten Jahr immerhin 3,4 Millionen Euro. In einer Umfrage unter Deutschlands Museumschefs bestreiten alle, dass diese Fremdfinanzierung Einfluss auf die Inhalte hat.
Max Hollein, Chef des Frankfurter Städel Museums, des Liebieghauses und auch der Schirn Kunsthalle: "Wir haben unsere Träume verwirklicht und das Geld dafür immer aufgebracht, wenn auch manchmal in letzter Sekunde." Wie die meisten seiner Kollegen sieht Hollein die Drittmittelakquise in erster Linie als Freiheit und Chance zugleich. Das Gejammer über den Wegfall der Vollsubvention ist endgültig verstummt.
Allerdings verweisen die Museumschefs auch auf die Risiken.
Misserfolg kann drastische Konsequenzen haben, für das Programm wie für die Mitarbeiter. Und die Konkurrenz unter den Bittstellern wird mit jeder staatlichen Kürzung größer. Damit hat sich die Tätigkeit des Museumschefs radikal gewandelt. Immerhin 80 bis 90 Prozent seiner Arbeitszeit, so sagt Veit Gör ner, Leiter der hannoverschen Kestner gesellschaft, verbringe er mit Kontaktpflege. Ein Zustand, den manche seiner Kollegen gern reduziert hätten. "Es wäre eindeutig gut für das Ausstellungsprogramm, wenn sich die öffentliche Hand endlich wieder stärker engagiert", befindet Eugen Blume vom Hamburger Bahnhof in Berlin.
Manchmal wird dieser Ruf sogar erhört. In Köln, wo es jahrelang praktisch keine Mittel für Ausstellungen gab, stehen nun erstmals wieder 1,2 Millionen Euro für sieben Museen zur Verfügung.
So gut gepolstert wie Erwin Wurms "Fat House" (2003) sähe wohl mancher Direktor sein Museum gern
Veit Görner von der Kestnergesellschaft in Hannover füllt seine Kasse über emsige Kontaktpflege
Gibt Parkplätze ab: Robert Fleck, Chef der Deichtorhallen
Vermietet Räume der Leipziger Galerie: Leiterin Barbara Steiner
Kein Gejammer:
Max Hollein, Museumsdirektor in Frankfurt/Main
