Ausgabe: 09 / 2007
Seite: 99

Anregungen für Meese und Co.

Von Sandra Danicke

FRANKFURT/MAIN: A. R. PENCK

Nach dem Besuch der Schirn-Kunsthalle weiß art-Korrespondentin endlich, woran sie mit A. R. Pencks Strichmännchen ist. Es ist schon erstaunlich, wie berühmt einer werden kann, ohne dass die meisten Menschen mehr als ein Minimum über ihn wissen. Selbst für ausgewiesene Kunstfreunde ist Ralf Winkler, bekannt unter dem Künstlernamen A. R. Penck, oft nicht viel mehr als der Typ mit den Strichmännchen. Jemand, dessen Arbeiten man auf Anhieb erkennt, ohne dass man wüsste, was genau er mit seiner Kunst eigentlich bezweckt. Kenner mögen noch das Gruppenbild ohne Titel (Freundesgruppe) von 1965 im Kopf haben, auf dem der Maler sich selbst neben Jürgen Böttcher (alias Strawalde), Wolf Biermann und Georg Baselitz verewigt hat - ein mysteriös leuchtendes Nachtbild in expressionistischer und also in für Penck eher untypischer Manier.

Nur die Wenigsten kennen allerdings mehr von dem Künstler, der 1939 in Dresden geboren wurde und dort als Musiker, Filmemacher, Lyriker, Maler und Grafiker ein zunächst relativ unbeachtetes Dasein fristete. Die Ausstellung in der Schirn-Kunsthalle, die erste umfangreiche Retrospektive seit 19 Jahren, ist geeignet, dies zu ändern.

Sicher, unter den insgesamt rund 200 Exponaten sind auch jene großformatigen, an primitive Höhlenzeichnungen erinnernden, mit kraftvoller Ges te bemalten Giganten-Tableaus, mit denen Penck, vor allem durch ihre druckgrafi- sche Verbreitung, zu Weltruhm gelangte.

Viel erstaunlicher sind aber zahlreiche Werke, die die Vielseitigkeit eines Künstlers belegen, der stets danach trachtete, durch die Verwendung einfachster Mittel und mit minimalem Aufwand die Kunst soweit zu verobjektivieren, dass jeder Mensch sie versteht.

Allein die neun Selbstporträts aus den Jahren 1962 bis 1991, die gleich am Eingang der Schau miteinander konfrontiert sind, weisen Penck nicht nur als einen facettenreichen Stilpluralisten, sondern auch als Vorläufer einer Generation junger Maler aus, die mit wuchtigen Gesten, hingekritzelten Kürzeln oder schrillen Kontrasten arbeiten, und man wird den Eindruck nicht los, Jonathan Meese, André Butzer, Andreas Hofer oder David Shrigley hätten sich bei Penck ihre Anregungen geholt. Ein Verdacht, der sich in der Abteilung mit Pencks Künstlerbüchern und von ihm gestalteten Plattencovern nur noch erhärtet.

Diese bislang wenig gezeigten Arbeiten gehören zu den großen Überraschungen der Ausstellung. Ein Großteil der Bücher sind Auftragsblöcke, Gäste-, Tage- oder Brigadebücher, die er mit Tusche, Filzstift oder Kugelschreiber zeich nerisch und typografisch erstaunlich originell bearbeitet hat. Tabellen, Piktogramme, Hieroglyphen zeugen von Pencks unkonventioneller Umsetzung kybernetischer Erkenntnisse; mit scheinbar ungefilterten Wortkaskaden erkundete er seine Psyche. Druckwerke wie "Ich bin ein Buch kaufe mich jetzt" (1976) durchkreuzen auf ironische und humorvolle Weise Seh- und Lesegewohnheiten und treten durch Anweisungen wie "zurückblättern!" mit dem Leser in Kontakt. Auf einer Rückseite heißt es:

"Du hast mich gelesen, jetzt weißt du, woran du mit mir bist. o. k. A. R. Penck." Das wurde aber auch Zeit.

Termin: bis 16. September. Katalog: Richter Verlag, 34 Euro, im Buchhandel 49 Euro. Internet: www.schirn.de