Ausgabe: 09 / 2007
Seite: 38-43
Kunst am Fließband
Von Claudia Bodin
Bei der US-Künstlerin Phoebe Washburn sprießt Rasen in einer absurden Grasfabrik, und Pappkartons überfluten den Raum. Zu Besuch bei einer leidenschaftlichen Recyclerin, deren Arbeit jetzt in Berlin zu sehen ist
Wenn wieder eine ihrer gigantischen Installationen verkauft wird, bedeutet das für Phoebe Washburn vor allem eines: Sie wird wieder auf Hamstertour gehen und weniger Zeit im Atelier, dafür mehr auf New Yorks Straßen verbringen.
"Mein Materialbestand wird auf einen Schlag dezimiert", erklärt die Künstlerin mit leichtem Bedauern. Zum Konzept der 34-Jährigen gehört, dass Sperr holzplat ten, Latten und Papp - kar tons von ei nem Kunstwerk in das nächste wandern. Es kostet sie viel Zeit, das Material für ihre monströsen Konstruktionen zu sammeln. Und das Durch stöbern von Baustellen, Verladestationen und Hinterhöfen von Baugeschäften ist Teil ihrer künstlerischen Arbeit: Über die Termine, an denen die Müllabfuhr die für sie so kostbaren Baustoffe abholt, führt sie Buch. Die Massen an Fundstücken lagert sie in großen Kisten in ihrem Atelier. "Nicht nur das Material, sondern auch meine Ideen fließen von Projekt zu Projekt.
Ich recycle im wahrsten Sinne des Wortes, verstehe dies jedoch nicht als Kommentar zu einem besseren Umweltbewusstsein", sagt Washburn. "Ich sehe es als gute Investition in meine Kunst." Die Testversion ihrer aktuellen Installation, eine gewaltige Auftragsarbeit für die Deutsche Guggenheim in Berlin, füllt zur Zeit ihr Atelier im Brooklyner Viertel Dumbo (Down Under the Manhattan Bridge Overpass) aus. Nicht einmal für einen Tisch ist mehr Platz. Das rund zehn Meter lange Förderband rattert, die darauf befindlichen Holzkisten schieben sich aneinander. Darin gedeiht Gras in den unterschiedlichen Wachstumsstadien, von Keimlingen bis zu zarten Halmen.
Unermüdlich fahren die Kisten auf dem Fließband entlang, um von der Be wässerungsstation zum Beleuchtungsstopp zu rumpeln. Kleine Fliegen schwirren durch den Raum. Die Ausstellungsversion von "Regulated Fool's Milk Meadow" (zu Deutsch: "Regulierte Narrenmilchwiese") in Berlin ist beinahe 50 Meter lang, fast einen Monat dauerte der Aufbau der Grasfabrik mit Gewächshaus sowie einem Verschlag.
Die Arbeitsweise vergleicht sie mit "Biebern, die einen Damm bauen".
Exakt sieben Tage braucht das Saatgut, um zu saftigen Pflanzen heranzuwachsen. Anschließend werden die Rasenstücke auf das Dach der Fabrik verpflanzt, wo sie zu kümmerlichen Haufen vertrocknen.
Betrachter lässt Washburn nicht in das Innere ihrer Fabrik vor. Sie können das Fließband nur durch Fenster von außen beobachten. Auch diese Konstruktion sieht wieder improvisiert, wie zufällig zusammengehämmert aus. "Dabei ist alles durchgeplant", versichert die Künstlerin. "Das Ergebnis ist eine Struktur, die ihre eigenen lachhaften Produkte hervorbringt." Sie versteht die Installation als Kommentar zur Großindustrie mit ihren automatisierten Massenproduktionen.
Ben Hamper, ein Autor aus Michigan, der jahrelang bei General Motors am Fließband stand, schreibt einen Text im Katalog.
Die Karriere der 1973 in Poughkeepsie, New York, geborenen Künstlerin entwickelt sich in ebenso großen Schritten vorwärts wie ihre Arbeiten, die von Mal zu Mal gewaltiger ausfallen.
Galerist Zach Feuer entdeckte die Studentin bei einem Tag der offenen Tür an der Kunsthochschule. Damals hatte sie angefangen, Skulpturen aus Pappe zu bauen. 2002 schloss Phoebe Washburn ihr Studium an der School of Visual Arts in New York ab, noch im selben Jahr hatte sie ihre erste Einzelausstellung bei Feuer in der LFL Gallery. "Between Sweet and Low" hieß die Installation, die so aussah, als ob ein Strom aus gebrauchten Pappkartons durch den Raum geflossen wäre. Sogar das Büro in der Galerie wurde von der Welle überspült. Für "True, False, and Slightly Better" (2003) in der Rice University Art Gallery in Texas verarbeitete sie mehr als 3000 Kilogramm Pappe mithilfe von angeblich 70 000 Schrauben, Gerüsten und Stützen in eine scheinbar über dem Boden schwebende Gletscherlandschaft.
In "Seconds of Something" (2004) sammelte die Künstlerin über Monate das Altpapier auf der Straße ein. Die Ausgaben der "New York Times" markierte sie für jeden Wochentag mit einer anderen Farbe. Die Bündel rollte sie zu riesigen Schnecken zusammen, die sie auf einer windschiefen Rampe platzierte. "Nothing's Cutie" (2004) aus in Pastellfarben bemalten Holzstücken und Latten erinnerte an eine Favela.
Mit "It Makes For My Billionaire Status" (2005) wagte sich Washburn zum ersten Mal an Pflanzen und Versorgungssysteme heran. "Es war eine völlig irrsinnige Struktur, die ständig Probleme machte, Lecks hatte und Pilze sprießen ließ", erzählt die Künstlerin.
Doch genau darum geht es ihr.
Systeme zu schaffen, die ihre eigene Logik, sei sie auch noch so absurd, entwickeln und in letzter Instanz doch von der Künstlerin kontrolliert werden.
In aller Regel fängt Phoebe Washburn beim Aufbau ihrer Arbeiten bescheiden in einer Ecke an, um dann Schritt für Schritt "gierig" den kompletten Raum zu schlucken. "Anstatt mir selbst eine Idee vorzugeben, die ich bewältigen muss, fühle ich mich wohler damit, Kunst durch die Abfolge kleinerer Aktivitäten zu schaffen", erklärt sie. So sind ihre scheinbar chaotischen Konstruktionen bis auf das kleinste Detail durchkalkuliert. "Meine Systeme sind weder clever noch effizient. Doch dafür fühlen sie sich für mich richtig an." Im Grunde genommen verkörpert Washburn so etwas wie eine Hausmeisterin New Yorks, die Abfälle der Stadt wiederverwertet und neue Ordnung schafft. Ihre Sammelleidenschaft sei erblich bedingt, meint die Künstlerin. Auch ihr Vater, ein Lehrer, hat Probleme, sich von Dingen zu trennen. Eine inzwischen verstorbene Cousine musste sich wegen ihrer ausufernden Sammlungen sogar ein zweites Haus zulegen. Obendrein bemalte sie alles, was sie in die Finger bekam, von der Orangenschale bis zum Stuhl.
Mit ihrem nächsten Kunstprojekt lebt die New Yorkerin ihr Bedürfnis, die Welt auf eine kontrollierbare Einheit zu reduzieren, weiter aus. Als Baseball- Fan wird sie ein Spielfeld aus Gras pflanzen. Ob Abschnitte des Grüns bewässert werden oder nicht, hängt von der Leistungsstärke ihres Lieblingsteams, den New York Yankees, ab. Jeder Spieler wird für einen Abschnitt des Rasens verantwortlich sein. Bringt er passable Ergebnisse ein, bekommen die Pflanzen Wasser zum Überleben.
Spielt er schlecht, müssen die Pflanzen leiden. Scheinbar unzusammenhängende Handlungen können bei Washburn zu schmerzhaften Konsequenzen führen - wie im richtigen Leben.
Termin: bis 14. Oktober. Deutsche Guggenheim, Berlin. Katalog: Hatje Cantz Verlag, deutsche und englische Ausgabe, jeweils 28,50 Euro, im Buchhandel deutsche Ausgabe 28,50 Euro.
Internet: www.deutsche-guggenheim.de
Sinnloser Wachstumszyklus: Phoebe Washburn im Gewächshaus ihrer Installation "Regulated Fool's Milk Meadow" ("Regulierte Narrenmilchwiese", 2007) in der Deutschen Guggenheim (Foto: Marcus Höhn)
Blick in die Rasenfabrik: Auf einem Fließband werden die Pflanzkisten mit Licht und Wasser versorgt
"Regulated Fool's Milk Meadow" in der Deutschen Guggenheim: Treppenstufen vorn und Fenster an den Seiten ermöglichen den Blick auf die Grasproduktion im Inneren (Fotos: Marcus Höhn)
Washburns Karriere entwickelt sich in ebenso großen Schritten vorwärts wie ihre Arbeiten, die von Mal zu Mal gewaltiger ausfallen
Mini-Favela in Manhattan:
Washburns Installation "2 BLTs" war 2006 im New Yorker Lipstick Building zu sehen
Pappkartons durchfluten den Raum:
"Between Sweet and Low" (2002)
