Ausgabe: 09 / 2007
Seite: 89
Die Rückkehr des Theatralischen
Von Manfred Schwarz
Das K21 untersucht inszenierte Darstellungsformen in der zeitgenössischen Kunst DÜSSELDORF: TALKING PICTURES
Ungekünsteltheit und Authentizität - so lauten, seit dem Aufschwung des Realismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts, zentrale Losungen der modernen Kunst. Nichts war plötzlich so verpönt wie die virtuose Inszenierungskunst, die Bühnenhaftigkeit, das buntkostümierte, melodramatische Rollenspiel, mit dem etwa die Historienmaler seit der Renaissance das Publikum belehren und ergötzen wollten. Wie man im gesellschaftlichen Umgang die höfische Affektiertheit verfemte, so diskreditierte man die überkommene theatralische Ästhetik in der bildenden Kunst.
Auf dem aufgegebenen Terrain - Schauspiel und Illusionismus - konnte sich dagegen die populäre Kultur, ausgehend von den Filmstudios in Hollywood, vorzüglich entfalten. Von der Rückeroberung eigentlich angestammter Domänen handelt die Düsseldorfer Ausstellung: Vom zunehmend florierenden, überraschend vielgestaltigen Rückgriff auf originär theatralische Darstellungsformen im Werk zeitgenössischer Künstler.
Zehn raumgreifende Film- und Videoinstallationen werden ergänzt und bereichert durch Arbeiten der jeweiligen Künstler in anderen Medien. Markus Schinwald und Ana Torfs, der Chinese Yang Fudong oder die in Düsseldorf lebende Serbin Danica Dakic´ gehören zur jungen Garde der Ausgewählten, deren "sprechende Bilder" jenen Zug ins Performative und Deklamatorische illustrieren: zur Schaustellung und zum Rollenspiel. Zum unmittelbaren Appell an das Publikum, wie man ihn hauptsächlich von den Theaterbühnen kennt.
So schlüpfte die in Berlin lebende Mathilde ter Heijne für die Filmarbeit "No Depression in Heaven" ins Kostüm einer herausgeputzten Dame und lässt den Betrachter in die Mündung ihres Revolvers starren. In der Videoinstallation "Wie heißt dieser Platz" (2006) des Russen Victor Alimpiev stehen elf Frauen und Männer dicht gedrängt in der Mitte eines leeren Raums und üben eine Art Sprechgesang aus, ohne dass ein Dialog zustande käme. Alimpiev nennt es "deutsches Sprechen über Raum, über den Platz des Menschen".
Ohnehin stehen Worte und Sprechen, im Mittelpunkt vieler Arbeiten, auch in Form von Rückgriffen auf literarische Texte. Jener "schillernde Begriff des Thea tralischen" (Ausstellungsorganisatorin Mieke Bal), mit dem die Moderne so gerne alles Künstliche stigmatisierte, beschreibt heute wieder einen Ansatz zur Welt- und Selbsterkenntnis. Denn die ganze Erde, das wusste man schon im Zeitalter Shakespeares, ist ohnehin nur eine Bühne, auf der wir alle eine Rolle spielen.
Termin: bis 4. November.
Internet: www.kunstsammlung.de
Herausgeputzte Dame mit Revolver: Filmstill aus dem Einkanalvideo "No Depression in Heaven" (2006) von Mathilde ter Heijne
