Ausgabe: 09 / 2007
Seite: 91

Schneller schwimmen mit Haifischhaut

Von Gerhard Mack

Eine Ausstellung zum Boom organischer Formen im Museum für Gestaltung ZÜRICH: NATURE DESIGN

Wer in einen Mercedes steigt, erwartet Platz, Fahrkomfort und stabile Straßenlage. Auf keinen Fall wollen Fahrer der Edelkarossen schwimmen. Doch genau das haben Designer des renommierten Autokonzerns im Sinn: Als hätte es den "Elchtest" und das Gespött über schlechtes Schleuderverhalten nie gegeben, haben die Entwerfer aus Stuttgart ein Auto entwickelt, das sich am tropischen Kofferfisch orientiert.

Das "Konzeptfahrzeug Mercedes-Benz bionic car" nimmt sich das kantige, etwas plumpe Tier zum Vorbild, das stabil und leicht und vor allem mit minimalem Kraftaufwand im Wasser schwimmt. Das ideale Strömungsverhalten des Fisches soll auch auf der Straße für geringen Windwiderstand und ergiebige Tankfüllungen sorgen.

Die Wissenschaft, die Strukturen aus der Natur auf ihre Brauchbarkeit für technische Entwicklungen überprüft, heißt Bionik und gilt als eine der Zukunftsdisziplinen, die bis hin zu Schwimmanzügen, die Haifischhaut imitieren und dadurch superschnell machen, unseren Alltag auf den Kopf stellen sollen. Sie fügt sich in ein breites Spektrum von Entwurfsstrategien, die sich an der Natur orientieren, gleich ob es um Porzellan, Möbel oder Gebäude geht. Welche Formen und Produkte Designer dabei entwickeln, breitet eine Ausstellung aus, die das Zürcher Museum für Gestaltung dem "Nature Design" widmet. Sie erinnert mit Alvar Aaltos Savoy-Vase und Arne Jacobsens Stühlen daran, das organische Entwürfe bereits die Klassische Moderne belebt haben. Sie zeigt, wie in den neunziger Jahren neue Computertechniken, Herstellungsmöglichkeiten und Materialien die so genannte "Blob-Architektur" mit ihren körpernahen Formen ermög licht haben. Und sie stellt eine Fülle von neuesten Edelprodukten vor, von Zaha Hadids "Z-Scape Furniture" bis zu Karim Rashids Parfümflakon Ryoko in der Form eines Kiesels für Kenzo.

Natur ist Trumpf unter den zeitgenössischen Designern. Dabei wird man den Verdacht nicht los, dass dahinter auch ein Kuschelbedürfnis in den rauen Zeiten der Globalisierung steckt. Biomorphe Formen sind umso gefragter, je mehr die Gefährdung unserer Lebensgrundlagen diskutiert wird. Als gelte es in einer Zeit weltweiter Umweltzerstörungen die verschwindenden Tier- und Pflanzenformen in Produkten für den Massenkonsum zu be wahren. Der Katalog macht außerdem auf die Gefahren der Gentechnik aufmerksam.

Termin: bis 2. Dezember. Katalog: Lars Müller Publishers, 45 Franken.

Internet: www.museum-gestaltung.ch

Modulare Maschenstruktur aus Kunstfaser, von Werner Aisslinger für die Ausstellungsarchitektur der Schau "Nature Design" entworfen

"Water Flux". Entwurf für ein Museum über Eis- und Gletscherbildung von François Roche, Stéphanie Lavaux und Jean Navarro

Gaetano Pesce: Sessel "La Mamma" (1969)