Ausgabe: 09 / 2007
Seite: 129
Mit Herz und kritischem Verstand
Von Ute Thon
Der Hamburger Sammler Harald Falckenberg gibt Einblicke in sein persönliches Kunstuniversum BUCH DES MONATS
Kein fetter Prachtband, ein schlankes Büchlein im Hotelbibelformat. Genau so hat sich der Autor das wohl auch gedacht: Vorm Einschlafen liest man zur Erbauung ein, zwei Kapitel "Aus dem Maschinenraum der Kunst" - so der proletarische Titel von Harald Falckenbergs Essayband über Künstler, Kunstausstellungen und die Lust des Sammelns. In bisweilen überraschend freimütigen Texten gibt der streitbare Hamburger Sammler und Ausstellungsmacher Einblicke in sein Denk- und Wertesystem. Falckenberg, 64, Jurist und Geschäftsmann, sammelt seit Mitte der neunziger Jahre im großen Stil zeitgenössiche Kunst, mit Vorliebe raumgreifende Werkblöcke von Künstlern wie Martin Kippenberger, Paul McCarthy, Dieter Roth, Franz Ackermann, Jonathan Meese und Thomas Hirschhorn. Dass man mit dem goldenen Sammlerhändchen nicht geboren wird, erzählt er unter der Überschrift "Selbstjustiz durch Fehleinkäufe": Seine "wertvolle Gouache von Sigmar Polke" entpuppte sich als Jahresgabe eines Kunstvereins und die "632 Sonnenuntergänge von Andy Warhol" als billige Auftragskunst für ein Pleite gegangenes Hotel.
Inzwischen hat Falckenberg sein Urteilsvermögen geschärft und mit unbequemen Ausstellungsprojekten in seiner "Phoenix- Kulturstiftung" interessante Neubewertungen vorgenommen, etwa mit der Otto-Mühl-Schau im Jahr 2005. Dem Wiener Aktionisten widmet er ebenso wie Öyvind Fahlström, Werner Büttner und Jason Rhoades eigene Kapitel. Sachkundig verknüpft er deren Werk mit zeit- und kunstgeschichtlichen Aspekten. Und mit persönlichen Eindrücken: "Nonnen und Mönche beginnen ihre Exerzitien meist schon um drei Uhr morgens - da menschelt Hanne Darboven richtig." Ein schöner Nebeneffekt dieser klugen Essaysammlung, dass sie den bärbeißigen Kaufmann als sensiblen Künstlerversteher outet.
