Ausgabe: 09 / 2007
Seite: 126
Zu hoch hinaus
Von Vladimir Esipov
Architektur: Gazprom-Pläne entrüsten die St. Petersburger
Der russische Energiekonzern Gazprom will in St. Petersburg einen 396 Meter hohen Büroturm errichten lassen. Die Pläne haben unter Architekten und Bürgern einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. art-Autor Vladimir Esipov sprach mit dem Architekten Jurij Kurbatow, Mitglied im St. Petersbur ger Städtebauausschuss und Professor der St. Petersburger Staatlichen Universität für Architektur und Bauwesen. art: Sie sind gegen den Gazprom- Bau. Warum?
Kurbatow: Er wird die Harmonie in der historischen Innenstadt zerstören. Dieser Turm passt nicht an diesen Ort. Er passt gar nicht in den Kontext der Stadt. Bei der letzten Sitzung des Städtebauausschusses haben wir gesagt, wir halten einen architektonischen Akzent durchaus für möglich.
Allerdings auf keinen Fall einen so riesigen Turm.
Sie sind in Ihrer Abneigung nicht allein.
Nein! Das Gros der Architekten in St. Petersburg ist dagegen und die Öffentlichkeit auch. Wir alle sind für den Wiederaufbau, die Rekonstruktion des historischen Stadtteiles, in den Gazprom ziehen will.
Was halten Sie von dem Argument, der Turm könnte zu einer neuen Touristenattraktion werden?
Ich denke, mit einem neuen Wolkenkratzer kann man heute niemanden mehr überraschen. Die Menschen kommen doch nach St. Petersburg, um eine Stadt des 18. und 19. Jahrhunderts zu sehen.
Sie wollen das sehen, was in der Welt vielerorts schon verloren ist. Und die historische Innenstadt hat bereits mehrere Akzente am Newa-Fluss, wie die Börse, die Peter-und-Paul-Festung und das Smolnij-Kloster.
Warum hält Gazprom hartnäckig an den Plänen fest?
Man sagt, es seien die Ambitionen der Geschäftsführung. Aber russische Zaren waren auch sehr ambitioniert! Sie haben aber niemals Häuser gebaut, die höher als drei Stockwerke waren, um die Schönheit der Stadt nicht zu zerstören.
Kasten: +++ Zwei von Lucas Cranach d. Ä. bemalte Altarflügel (siehe Detailfoto), die 1980 aus einer Kirche bei Wittenberg gestohlen wurden, sind bei den Bamberger Antiquitätentagen wiederaufgetaucht. +++ Eine landesweite Inventur russischer Museen hat ergeben, dass 160 000 Ausstellungsstücke fehlen. +++ Vor kurzem wurde die restaurierte Staatsgalerie im Neuen Schloss Bayreuth, in der Gemälde des Spätbarocks zu bewundern sind, wiedereröffnet. +++ Das Getty-Museum gibt 40 von 52 mutmaßlich illegal erworbenen Werken an Italien zurück. +++ Die Ernst-Wilhelm-Nay-Stiftung bittet Besitzer von Papierarbeiten des Künstlers um Unterstützung bei der Erstellung eines Werkverzeichnisses:
Ernst-Wilhelm-Nay-Stiftung, Postfach 41 06 49, 50866 Köln, stiftung@ewnay.de
