Ausgabe: 09 / 2007
Seite: 126
Der neue Tretjakow?
Von Vladimir Esipov
Sammler: Erstes Privatmuseum für russische Gegenwartskunst
Jeden Freitag gibt es Wein und Techno im ART4.RU, dem ersten privaten Museum für russische Gegenwartskunst in Moskau. Wer will, kann die Räume mit dem Skateboard abfahren, und auch ein frei laufendes Kaninchen gehört zum Konzept. "Wir wollen bei uns keine klassische Museumsatmosphäre", erklärt Museumschef und -eigentümer Igor Markin, 40, von dem eine führende Moskauer Tageszeitung schreibt, die russische Intelligenzia habe seit der Perestroika auf jemanden wie ihn gewartet.
Ein anderes Blatt vergleicht den Sammler, der umgerechnet rund fünf Millionen Euro aus eigener Tasche in sein Museum gesteckt hat, mit Pawel Tretjakow, dem Geschäftsmann des 19. Jahrhunderts, dessen private Kunstsammlung zur weltberühmten Galerie wurde (siehe Seite 35).
150 Jahre nach Tretjakow trinkt Markin Kaffee aus einem Plastikbecher - die Plastikproduktion hat ihn reich gemacht - und redet über Kosten und Pläne.
Er sammelt seit 15 Jahren russische Kunst und besitzt rund 1000 Werke von mehr als 100 Künstlern. Die Moskauer Kritik feiert die Sammlung als eine der besten auf dem Gebiet der russischen zeitgenössischen Kunst.
Bei den Touchscreens für die Werkangaben gab es Lieferschwierigkeiten, zum Nachlesen hatte man aber auch so schon genug: den ohne Scheu vor Slang und Schimpfwörtern in russischer Umgangssprache verfassten, zweisprachigen Katalog. Und die Toilettenwände, die offiziell als Besucherbuch dienen. "Nur eine Ka chel pro Besucher!", ermahnt ein Schild das Publikum, das sich hier die Seele aus dem Leib schreibt. "Verdammt klasse!" lautet der kürzeste zitierbare Kommentar.
Ort: ART4.RU, Chlynowskij Tupik 4, Moskau. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11 bis 20 Uhr, Freitag und Samstag bis Mitternacht.
Eintritt: rund 5,50 Euro (200 Rubel).
Katalog: rund 70 Euro (2500 Rubel).
Telefon: (007) 495 6 60 11 58.
Internet: www.art4.ru
Igor Markin hat große Pläne - und bereits einiges auf die Beine gestellt
