Ausgabe: 08 / 2007
Seite: 97
Propagandist der eigenen Nichtigkeit
Von Hans-joachim Mller
BIELEFELD: GEORGE MACIUNAS
Die Kunsthalle erinnert an den Erfinder des Fluxus. Was Rechtes hat es einfach nicht werden wollen. Was immer George Maciunas (1931 bis 1978) in die Hand nahm, zerfloss ihm wie die Eiskugel auf dem Weg von der Theke zum Bistrotisch.
Das einzig Beständige war der Begriff, den er für die Kunst des Zerfließens fand: "Fluxus". Fluxus war eine Nichtkunst- Kunst der sechziger Jahre, die sich bei randständigen Galerie- und Straßenanlässen selber erschuf und abschaffte.
Der Grenzverlauf zu Happening und zur Aktionskunst war nie ganz deutlich.
Weshalb in der Chronik meist nur die beklagenswerte Gestalt der Fluxus-Produktion und ihre rasante Verfallsgeschwindigkeit erwähnt werden. Vor allem wusste man von ihrem Chef nicht viel:
George Maciunas, in Kaunas in Litauen geboren, Grafik-, Architektur-, Musikund Kunststudium in New York, ein paar Jahre mit Yoko Ono zusammen, dann da und dort, ein rastloser Propagandist der unverkäuflichen Ware Fluxus.
Thomas Kellein hat die Fluxus-Jahre gründlich recherchiert und erzählt sie in seiner Maciunas-Biografie gescheit und vergnüglich nach. Die Ausstellung in der Bielefelder Kunsthalle versammelt die Dokumente in gleichsam ethnografischer Distanz: Zeugnisse einer Geschichte der listigen Einnistung in den Kunstbetrieb, der großen Versprechungen, kühnen Ideen, der ewigen Mittellosigkeit, des Scheiterns und der unaufhaltsamen Ratschläge an die nicht immer willige Fluxus-Gefolgschaft. Streng liest sich die Anweisung, die Maciunas an Ben Vautier richtete: "zügele & eliminiere dein ego vollständig (wenn du kannst) signiere nichts - schreibe dir nichts zu - depersonalisiere dich! das ist der wahre geist des Fluxus kollektivs." Wahr ist am wahren Geist, was Maciunas wohl nie verstanden hat: dass unter den Bedingungen der narzisstischen Epoche als Künstler nichts gilt, wer nicht unaufhörlich sein mattes Ich poliert. Das Kunstleben des George Maciunas, dieser an keiner Knock-out- Erfahrung reifer werdende Versuch, die Kunstgrandiosität des 20. Jahrhunderts mit der gepflegten Nichtigkeit zu therapieren, kommt einem so im Rückblick wie eine leise Tragödie vor.
Termin: bis 9. September. Katalog: Verlag der Buchhandlung Walther König, 30 Euro, im Buchhandel 38 Euro. Internet: www.kunsthalle-bielefeld.de
HANS-JOACHIM MÜLLER
