Ausgabe: 08 / 2007
Seite: 88-89
Warum der Mensch Gewalt ausübt
Von Petra Bosetti
Das Rheinische Landesmuseum zeigt Arbeiten des Happeningkünstlers und Malers BONN: WOLF VOSTELL
Das Unheil war eine Randnotiz der Geschichte im Tagebuch von Christoph Columbus: "Im selben Monat, in dem Ihre Majestäten das Edikt veröffentlichten, dass alle Juden aus dem Königreich und seinen Territorien vertrieben werden sollten, gaben Sie mir den Befehl, mit einer ausreichenden Zahl von Männern meine Expedition nach Indien zu unternehmen." Es war das Jahr 1492, als 165 000 bis 400 000 Juden aus Spanien vertrieben, zwangschristianisiert oder umgebracht wurden - eine der schlimmsten Judenverfolgungen vor dem Völkermord der deutschen Nationalsozialisten in Europa.
Der Pionier der Fluxus- und Happeningkunst, der Bildhauer und Maler Wolf Vostell (1932 bis 1998) hat in seinem monumentalen Triptychon "Shoah" - der neuhebräische Ausdruck für Verfolgung, Gettoisierung und Vernichtung der europäischen Juden während der NS-Herrschaft - beide Geschehen miteinander verbunden. Eine riesige Brücke überzieht die 270 mal 660 Zentimeter messende Leinwand und zermalmt unter sich die Opfer beider Judenverfolgungen. Es war das letzte Werk Vostells vor seinem Tod und für ihn eine "unendliche Brücke über das Meer der Tränen der unterworfenen, vertriebenen, verfolgten und ermordeten Opfer". "Shoah" steht im Zentrum der Ausstellung "Meine Kunst ist der ewige Widerstand gegen den Tod" im Rheinischen Landesmuseum Bonn, die zeigt, wie Vostell sich immer wieder den Themen Gewalt, Macht und Ohnmacht genähert hat. Denn in seinem gesamten Lebenswerk hat sich Vostell mit der Frage beschäftigt, warum und in welcher Qualität der Mensch Gewalt und Macht ausübt.
Zu einer Ikone wurde seine Objektgrafik "Lippenstiftbomber". Die Arbeit zeigt ei nen amerikanischen "B 52"-Bomber, der seine tödliche Fracht - dargestellt durch aufgeklebte, bombenförmige Lippenstifte - abwirft. Vostell verband auf eindringliche Weise Kritik an der Vietnampolitik der USA (im Entstehungsjahr der Arbeit, 1968, waren bereits über eine halbe Million US-Soldaten in Vietnam stationiert) und dem konsumorientierten amerikanischen Lebensstil.
Termin: 16. August bis 25. November.
Internet: www.rlmb.lvr.de Weitere Stationen: Musée d' Art Contemporain, Nîmes. Museo Extremeñoe Iberoamericano de Arte Contemporáneo, Badajoz
