Ausgabe: 08 / 2007
Seite: 68

Verrückte Bilder im Ohr

Von Boris Hohmeyer

Das kanadische Künstlerpaar Janet Cardiff und George Bures Miller verwirrt die Wahrnehmung seines Publikums mit ausgefeilten Klangeffekten und liebevoll hergerichteten Rauminstallationen

Da hat der Schurke Recht. "Hier haben Sie mich nicht erwartet", höhnt seine Stimme aus d er Sitzreihe hinter dem Kinobesucher, der den bulligen Finsterling eben noch auf der Leinwand gesehen hat: "Sie dachten wohl, Sie seien sehr schlau, ein Doppelspiel zu spielen?" Aber was hat der Zuschauer mit der Filmhandlung zu schaffen, in der eine Krankenschwester einen gefesselten Patienten vor dem düsteren "Doktor" zu retten sucht? Und wie kommt der Bursche eigentlich nach da hinten, wo er über seinen eigenen Auftritt lacht? Beunruhigend, das Ganze.

In Wahrheit ist natürlich alles Trickserei: Das Kino ist ein Modell, in dem nur die hintersten beiden Sesselreihen benutzbar sind, der Schwarzweiß- Thriller ist ein Künstlervideo, und die Stimme des Doktors kommt ebenso aus einem Kopfhörer wie der Ton des Films, das störende Handyklingeln oder die besorgte Überlegung der Sitznachbarin, ob sie zu Hau se wohl den Herd abgestellt habe. Doch der Klang wirkt so echt, dass in der Installation "The Paradise Institute" von Janet Cardiff, 50, und George Bures Miller, 47, die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion bis zur Unkenntlichkeit verschwimmt. Seit seiner Premiere bei der Biennale 2001 in Venedig ist dies wohl das berühmteste Werk des kanadischen Künstlerehepaars mit Zweitwohnsitz in Berlin - wegen seiner Brillanz, aber auch, weil es transportabel ist und sich so, wie derzeit auf der Darmstädter Mathildenhöhe, in Ausstellungen zeigen lässt.

Andere, nicht minder eindrucksvolle Verwirrspiele hingegen sind mit bestimmten Orten verbunden: Bei den "Audio-Walks" durchwandert der Hörer/Betrachter mit einem CD- oder MP3-Player die Straßen von London oder Münster, den New Yorker Central Park oder die thüringischen Hügel, auf denen Napoleon einst die Preußen besiegt hat. Wer dort, im Jenaer Vorort Cospeda, mit Kopfhörern aus dem "Museum 1806" tritt, hört sogleich derart überzeugend einen Lastwagen über die Straße rauschen, dass er wenn schon nicht das Gefährt selbst, so doch dessen Schatten zu sehen meint. Später, auf dem Weg zum Napoleonstein auf dem Landgrafenberg, begegnen seinen Ohren Bürger des Jahrs 1806 auf der Flucht aus ihren brennenden Häusern, russische Panzer, unbeteiligte heutige Spaziergänger und flatternde Vögel.

Vor allem aber ist da - wie bei allen Walks scheinbar ganz dicht hinter ihm - als ständige Begleiterin Janet Cardiff selbst. Sie weist ihm den Weg, schickt ihn auf eine Bank mit Blick über die Stätte des Gemetzels, erzählt von Erlebnissen, Erinnerungen, der Geschichte des Orts, liest aus den Tagebüchern der Jenaer Malerin und Goethe-Freundin Louise Seidler, spielt ein Klavierstück, das ein französischer Offizier nach der Schlacht komponiert hat. So, wie sich hier die Zeitebenen überlagern, verzahnen sich bei anderen Walks Krimis oder Spukgeschichten mit der Wirklichkeit.

Ein kleines Missgeschick hat 1991 die einstige Grafikerin Cardiff auf dieses Konzept gebracht, das zu den schönsten Erfindungen der Gegenwartskunst zählt. Als sie beim Gang über einen Friedhof Grabinschriften auf ihr Diktiergerät sprach, drückte sie einmal versehentlich statt der Aufnahmetaste den Schnellrücklauf. Sie versuchte, das Ende der Aufzeichnung wiederzufinden, hörte dabei, was sie selbst einige Minuten zuvor gesagt hatte, untermalt vom Geräusch der eigenen Schritte - und war überwältigt von dieser geisterhaften Verschiebung in Raum und Zeit.

Die kommt im Kunstwerk durch die so genannte binaurale Aufnahmetechnik zur vollen Wirkung: Zwei hochempfindliche Mikrofone vertreten die Ohren des späteren Hörers.

Die Walks sind das Paradox einer intimen Kunst im öffentlichen Raum.

Sie bleiben für Außenstehende verborgen, verändern ihr Umfeld nur in der Wahrnehmung des Einzelnen. Der kann sich genussvoll, vielleicht auch mit leichtem Gruseln, auf die Erfahrung ein lassen, bis zu Atemrhythmus und Herzfrequenz mit der Sprecherin zu verschmelzen, ihre Erzählung als inneren Monolog zu erleben. Dass er sich so willig leiten lässt, ist auch dem warmen, dunklen Timbre von Janet Car diffs Stimme zu danken. Zwar will sie, wie sie sagt, nicht "sexy" klingen, sondern "gedankenvoll", aber sie gibt zu: "Es ist eine erotische Situation. In gewissem Sinne verführe ich die Leute." Der "Jena-Walk", entwickelt 2006 zum 200. Jahrestag der Schlacht, wird wohl das letzte von rund 25 derartigen Werken sein; das Prinzip erscheint den Künstlern ausgereizt. Aber es lässt sich steigern: Noch weiter in ihre Kunstwelt ziehen Cardiff und Miller ihr Publikum mit "Video-Walks" hinein. Dem Betrachter wird außer den Kopfhörern auch eine Kamera ausgehändigt, mit dem Auftrag, bei seinem Weg aufs Sucher-Display zu schauen, als würde er die Umgebung filmen.

Bei der Arbeit "Ghost Machine" etwa läuft er treppauf, trepp ab durch das Berliner Jugendstiltheater Hebbel am Ufer (HAU 1), sieht auf dem Minimonitor abwesende Schauspieler oder eine Abdeckfolie, die längst weggeräumt ist und doch unter seinen Füßen zu rascheln scheint, als wäre die Renovierung noch im Gange. In einem Spiegel erblickt er gar statt des eigenen Bilds die filmende Künstlerin. Wo mehrere Sinne gleich zeitig getäuscht werden, bleibt kaum Zeit, die Tricks zu durchschauen. "Die Audio-Walks sind schon sehr suggestiv", beschreibt Miller die Wirkung, "aber hier kommen die Leute richtig hypnotisiert zu rück." Lange galt er innerhalb des Duos vor allem als Produzent und Erbauer der aufwändigen Installationen, während Cardiffeher für Klangfantasie und Erzählungen zuständig war: Für die meisten Walks zeichnet sie allein verantwortlich, ebenso für die "Forty- Part Motet". Bei dieser Klangskulptur tönt je der der 40 Sänger einer Re naissance komposition aus einem eigenen Lautsprecher, so dass der Hörer, zwischen Sopranen, Tenören und Bässen umher wandelnd, bei jedem Durchlauf neue Facetten entdeckt. Nach 23 Jahren Ehe aber sind vor allem bei neueren Arbeiten die Anteile der Künstler nicht mehr zu trennen, ob die beiden nun anhand verfärbter Dias eine Reise von Millers Großvater nachzuvollziehen versuchen ("Road Trip"), einen pelzbezogenen Zahnarztstuhl zu einem Verwandten des Martergeräts in Franz Kafkas "Strafkolonie" umbauen ("The Killing Machine") oder in die Speichergewölbe unter der Mathildenhöhe, aus denen bis vor einigen Jahren Darmstadts Wasserversorgung gespeist worden ist, eine bunt beleuchtete Hawaii-Bar stellen wie eine Traumvision.

Besonders innig vermischen sich Bastellust, Erzählfreude, Klangspielerei und Sinnentrug bei der Arbeit "Opera for a Small Room", die einem einsamen Musikfreund ein melancholisches Denk mal setzt. Rund 2000 angestaubte Schallplatten stapeln sich in dem engen Verschlag, in den der Betrachter nur durch die Fenster schauen kann. Immer wieder scheint der bis auf einen flüchtigen Schatten unsichtbare Bewohner andere Plattenspieler anzuwerfen. Arien wechseln sich mit Popsongs ab, der Mann erzählt per Lautsprecher aus seinem trüben Leben, dieweil Regen aufs Dach trommelt und ein vorbeibrausender Eisenbahnzug den Lüster erzittern lässt.

Freilich ist die Wirkung trotz verblüffender Effekte und liebevoll hergerichteter Details im Wortsinn äußerlicher als bei dem Klangkino im Kopf, das die Walks in szenieren.

Die kaleidoskopische Videoarbeit "The Berlin Files" bringt in Bildern, Tönen und persönlichen Erinnerungen die beiden Sphären zusammen, zwischen denen Cardiff und Miller pendeln, seit ein DAAD-Stipendium sie 2000 in die deutsche Hauptstadt geführt hat: Einen Teil des Jahres arbeiten sie in einem weitläufigen Atelier in ihrer ländlichen kanadischen Heimat, deren Stille, so Cardiff, ihren Sinn für leise Klänge geschärft hat. In Berlin haben sie weniger Platz; dafür sei es dort wunderbar einfach, kompetente Tontechniker und andere Helfer zu finden.

Auch den sinistren Doktor für das "Paradise Institute" haben sie dort auf getrieben: den Schauspieler Volker Spengler, der schon mit Rainer Werner Fassbinder gedreht hat. Dass der Bösewicht ein Deutscher ist, so viel Klischee gehört für Cardiff und Miller unbedingt ins ironische Spiel.

Ausstellung: bis 26. August. "The Killing Machine und andere Geschichten 1995-2007".

Mathildenhöhe, Darmstadt. Katalog: Hatje Cantz Verlag, 35 Euro, im Buchhandel 39,80 Euro. Internet: www.mathildenhoehe.info Galerie: Barbara Weiss, Berlin, www. galeriebarbaraweiss.de Audio-Walk: "Jena-Walk", Museum 1806, Jena-Cospeda, www.jena1806.de

Blick von außen ins eigene Werk: die Künstler mit der Installation "Opera for a Small Room" (2005). Foto:

Bernd Bodtländer

Natürliche Umgebung: die "Forty-Part Motet" (2001) bei einer Ausstellung in der Johanniterkirche zu Feldkirch

Die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit wird durchlässig

Bedrohliche Roboterarme über dem Zahnarztstuhl:

"The Killing Machine" (2007)

Im Spiegel sieht der Besucher die filmende Künstlerin

Von außen nur ein Sperrholzverschlag:

"The Paradise Institute" (2001).

Doch wer einen Kopfhörer aufsetzt, erlebt den Hall eines 784- Plätze- Kinos - und nervende Sitznachbarn

Frühes Planungsstadium:

Skizzen zu "Opera for a Small Room" (2005)