Ausgabe: 08 / 2007
Seite: 92
Verstörend, humorvoll, erotisch
Von Susanne Altmann
Eine Ausstellung im Sprengel-Museum stellt den ukrainischen Fotokünstler vor HANNOVER: BORIS MIKHAILOV
An diesem fulminanten Bilderbogen haben sie alle Anteil: der Fotograf, der Sozialkritiker, der Poet, der Voyeur, der Besessene, der Witzbold, der Liebende und der Vagabund. Und alle diese Gestalten sind Rollen einer einzigen Person - von Boris Mikhailov selbst. Der nunmehr 68-jährige ukrainische Fotokünstler lebt in seinem Zyklus "Look at me I look at Water" ("Schau mich an ich schaue ins Wasser") hemmungslos alle Facetten seiner Persönlichkeit aus. In diesem Mosaik aus verstörenden und ero tischen, humorvollen und provokativen Bildern collagiert er die Eindrücke eines ewigen Wanderers zwischen den Welten, zwischen Ost und West.
"Look at me I look at Water" erschien 2004 in Buchform und wird jetzt erstmals in einer museumsfähigen Version im Sprengel-Museum gezeigt. 1999 entstanden im Auftrag der Heiner-Müller- Gesellschaft in Berlin, war es als Hommage an den 1995 verstorbenen Dramatiker gedacht. Mikhailov begegnete den Werken Müllers erst nach 1989 in Übersetzungen und war fasziniert. Mit seiner Bild-Text-Collage wollte er "keine Müller- Stücke illustrieren", sondern sich in dessen "Denken einfühlen und ähnlich wie jener Strategien von Montage und Kontrast verfolgen". Und Kontraste gibt es reichlich im Werk von Boris Mikhailov.
So tauchen immer wieder ungeschönt Porträts von sozialen Randexistenzen auf. Doch anstatt ein distanziertes Panoptikum an zulegen, fotografiert sich der Ukrainer immer wieder in Posen schmerzhafter Selbstentblößung und mischt diese Aufnahmen unter bedrückende Milieustudien.
Tagebuchartig fügen sich lapidare Text fetzen dazu wie "Um zu bestimmen, ob ein Mensch noch lebt oder tot ist, drückt ihm der Arzt plötzlich stark aufs Auge" unter dem Konterfei eines liegenden Obdachlosen. Häufig wird jeder Anflug von klassischer Schönheit durch Deformationen und obszöne Accessoires gebrochen.
Das betrifft speziell zahlreiche Aktporträts seiner Ehefrau und Muse Viktoria in wunderlichsten Verkleidungen.
Andererseits bekommen Schnappschüsse aus der Gosse wieder einen fast romantischen Schmelz, wie jener von einer Wiese auf Mallorca, die mit gebrauchten Kondomen übersät ist, oder jener von dem bemalten Toilettenhäuschen in Mikhailovs Heimatstadt Charkow. Hier entstanden auch frühere Arbeiten wie zum Beispiel "Am Boden" (1991) oder "Die Dämmerung" (1993). Heute kehrt er oft hierher zurück - er braucht die se Atmosphäre wieder als Inspirations quelle, als Gegenprogramm zum saturierten Westen.
Termin: 29. Juli bis 11. November. Literatur: Steidl Verlag, 45 Euro. Internet: www.sprengel-museum.de Weitere Ausstellung: "Boris Mikhailov - Yesterday", Kunst Meran, Meran, bis 23. September
