Ausgabe: 08 / 2007
Seite: 62-63

Das Geheimnis der Rollkoffer

Von Ralf Schlter

Die Länderpavillons: lärmige Medienkunst, fragile Installationen, leise Filmstudien - in diesem Jahr gab es keinen überragenden Auftritt, aber große Viefalt

Eigentlich dürfte es diesen Parcours der Nationen längst nicht mehr geben. Manche vergleichen ihn schon mit dem Schlager-Grandprix ("Allemagne, 5 points"), andere wittern im Festschreiben nationaler Repräsentanz reaktionäres Gedankengut. "Ein Anachronismus!" tönt es aus dem Kunstbetrieb - und doch findet die Parade weiter statt, wie ein Familienritual, das keiner antasten mag.

In Wirklichkeit ist natürlich der Gang durch die Giardini das lustvolle Zentrum jeder Venedig-Biennale, auch das superaufgeklärte Kunstpublikum freut sich über Altbekanntes (die Deutschen setzen sich mal wieder mit der Naziarchitektur ihres Pavillons auseinander), überraschendes (der Ukraine- Palazzo als Geheimtipp) und auch die Gelegenheit, Vorurteile bestätigt zu finden ("Das ist genau so billig, wie ich mir Russland vorstelle", war einmal zu hören). Sein Wettbewerbscharakter macht den Parcours so anhaltend attraktiv: Jede Biennale produziert Gewinner und Verlierer.

Einen Giardini-Weltmeister gibt es in diesem Jahr nicht; kein Ländervertreter sorgt für einen Paukenschlag, wie es 2003 Santiago Sierra tat, als er den spanischen Pavillon nur für Inhaber eines spanischen Passes öffnete.

Die etablierten Pavillons in den Giardini glänzen durch Noblesse und Routine; von den außerhalb eingerichteten Repräsentanzen sorgte nur jene der Ukraine mit ihrer unglaublichen Mischung aus Dokumentation (Boris Mikhailov) und Pornoästhetik (Jürgen Teller) für Furore.

Die höchste Stelle der Giardini wurde schnell "Hügel der Frauen" getauft.

Tracey Emin zeigt im britischen Pavillon Arbeiten, die zwar noch vom erotischen Exhibitionismus der frühen Jahre zehren, denen aber die unverschämte Direktheit von damals fehlt. Emin will jetzt richtige Kunst machen, was mal gelingt (bei den erotischen Monotypien) und mal voll daneben geht (bei den lächerlich angestrengt wirkenden Holzskulpturen).

Nebenan im französischen Pavillon beweist sich Sophie Calle wieder einmal als liebevollste Chronistin der neurotischen europäischen Seele. Diesmal machte sie die kryptische Abschieds- E-Mail eines Liebhabers zum Gegenstand einer Großuntersuchung: Über hundert Frauen, von der Kommissarin bis zur Sängerin, interpretieren das Brieflein und lassen es in barocker Pracht und schillernder Komik erstrahlen.

Und Isa Genzken? Kaum ein Beitrag wurde so hitzig diskutiert wie der deutsche, es gab nur Liebe oder Hass für diese seltsam trashige, schutzlos spärliche Inszenierung. Genzken hat das Gebäude in ein orangefarbenes Bauplastiknetzgitter eingehüllt - die übliche Distanzierung vom Nazibau, sicher, aber auch der Versuch, ihn leichter, angreifbarer erscheinen zu lassen.

Drinnen dann eine kleine Studie zur Geschichte des Grenzen überschreitenden Menschen: Astronauten liegen wie Babys in ihren Kapseln, Rollkoffer werden zu Vehikeln für undeutliche Botschaften, Galgenstricke erinnern an Grausamkeit, Glitzerkram an die Utopie des Plastikzeitalters. Der fragile Zauber dieser nicht entschlüsselbaren Inszenierung wirkt lange nach.

Viel Medienkunst ist zu sehen: laute (lärmige Filme im russischen Pavillon; Francesco Vezzolis dies mal etwas platte Wahlkampfspot-Parodien für Italien) und leise (Yves Netzhammers Studie über Fremdheit als Schweizer Beitrag; Aernout Miks Katastrophenszenen bei den Niederlanden; Andreas Fogarasis sterbenslangweilige Filme über ungarische Kulturzentren).

Schönster Gegenpol zu all diesen Bedeutungs- und Bilderfluten ist Monika Sosnowskas Arbeit im polnischen Pavillon: Sie füllte den Raum mit einem zerdetschten Stahlgerüst, das zwar auch - Botschaft! - auf den Abriss von Bausubstanz aufmerksam machen soll, dabei aber eine unglaubliche skulpturale Präsenz entfaltet. Es wurden Kritiker gesehen, die wie Kinder darauf herumkletterten.

Kataloge: Zur Biennale: Think with the senses.

Feel with the mind. Art in the present tense.

2 Bände. Marsilio Editori. 888 S., mit Abb., Englisch, 80 Euro. Deutscher Pavillon: Nicolaus Schafhausen (Hrsg.): Isa Genzken. Oil. German Pavilion. Venice Biennale 2007. DuMont Verlag.

212 S., über 90 Abb., Deutsch/Niederländisch, 39,90 Euro. Termin: bis 21. November

Schweiz: Yves Netzhammer entwarf eine Holztribüne mit Zeichnungen

Großbritannien:

Tracey Emin zeigt den Willen zur Form

Russland: Grelle Medienkunst von Andrej Bartenew ("Lost Connection")

Ukraine: Inszenierung von Sergej Bratkov im Palazzo Papadopoli

RALF SCHLÜTER