Ausgabe: 08 / 2007
Seite: 116
Verrückt nach "Nadja"
Von Joachim Hauschild
Auktion: Nolde-Gemälde erzielt Rekordpreis bei Ketterer
Alles passte: ein marktfrisches Objekt mit einer aufregen - den Geschichte, ein smarter Auktionator, entscheidungsfreudige Erben und ein etwas profilierungssüchtiger Käufer. So kam es, dass am 12. Juni im festlichen Gartensaal des Münchner Prinzregententheaters Robert Ketterer Losnummer 146 aufrief: Emil Noldes "Nadja", ein kleinformatiges Porträtbild (40 mal 25 Zentimeter), Öl auf Leinwand, das - wie Ketterer ergänzend ausführte - kein Restaurator je berührt hatte.
Nach wenigen Minuten war alles vorbei. "Nadja" wurde für 2,15 Millionen Euro einem Herrn im Publikum zugeschlagen, den niemand kannte und dessen Identität das Auktionshaus später mit der Angabe "Tabakgroßhändler aus Mönchengladbach" kunstvoll verschleierte. Am Abend kam die Versteigerung in die "Tagesschau", was sonst eigentlich nur bei Sensationszuschlägen in New York, London oder Paris passiert, am nächsten Tag war sie Aufmacher auf den Lokalseiten der Münchner Presse.
Sorgsam hatte das Haus Ket terer die Journalisten vor dem Event gefüttert: Meldungen und eine Pressekonferenz zur Geschichte des Bildes: berühmter Besitzer (Ernst Rathenau), eingelagert, als der vor dem Naziterror fliehen musste, aus dem Lager gestohlen, dann schließlich auf einem Dachboden aufgetaucht. Schließlich glaubte man auch noch, die Identität der Dargestellten herausfinden zu können. Das Haus Ketterer dürfte an "Nadja" nicht schlecht verdient haben. Der neue Besitzer zahlte inklusive Aufgeld 2,58 Millionen Euro. Aber was wirklich zählt ist der Mehrwert dieser Auktion: unbezahlbare Publicity.
Auch andere Häuser erzielten in dieser Saison ansehnliche Preise mit Nolde-Werken - ohne dass es Wellen in der Presse schlug: Villa Grisebach in Berlin für das Ölbild "Kleine Sonnenblumen" (1946) 2,26 Millionen Euro, Kornfeld in Bern für einen "Blumengarten mit Figuren" (1908) 1,27 Millionen Franken (765 000 Euro).
