Ausgabe: 08 / 2007
Seite: 111-112
Kein Rütteln am Party-Dogma
Von Kito Nedo
Museumsnächte: Als Event gefragt, aber kein Lockmittel für neue Besucher
Sollte die "lange Nacht" am Ende sein? So lautete die bange Frage vieler Berliner, als diesen Winter die Türen der Museen für nächtliche Museumsrundgänge geschlossen blieben. Der Veranstalter der Museumsnächte, die landeseigene Kulturprojekte Berlin GmbH, hatte den traditionell im Januar und August stattfinden den Kulturevent überraschend ausfallen lassen. Man brauche eine "Kreativpause", teilten die Organisatoren mit und sorgten damit für gehörige Irritationen. Im Abgeordnetenhaus musste Staatssekretär André Schmitz sogar eine polemische kleine Anfrage beantworten:
"Lange Nacht der Museen - vom Senat verschlafen?" Berlin gilt seit der ersten "langen Museumsnacht" 1997 als Wiege des viel kopierten Events. Die Abschaffung der Veranstaltung, die letzten Sommer rund 190 000 Besucher in 105 Museen und Institutionen lockte, wäre ein herber Verlust. Zweimal im Jahr dreht die Stadt, deren einziger Rohstoff bekanntermaßen die Kultur ist, gehörig auf. Dann werden für ein paar Stunden distinguierte Kunsttempel zu Partyzonen.
Bei Sekt und Caipirinha lauschen eventhungrige Massen klassischer Musik oder tanzen Tango durch Ausstellungssäle und drängeln sich in Shuttlebussen, die selbst weit voneinander entfernte Häuser im Minutentakt miteinander verbinden.
Dass mit all dem Trubel neue Besucherschichten für die Museen gewonnen werden, gilt dagegen als unwahrscheinlich. Selbst der Museumsnacht-Erfinder Wolf Kühnelt von der Kulturprojekte Berlin GmbH, hält den Anteil der nachhaltig Interessierten, die auch später wieder den Weg ins Museum finden, für gering. Befragungen hätten ergeben, dass neben kunstfernen Nachtschwärmern vor allem regelmäßige Museumsgänger die Gelegenheit nutzten, sich einen schnellen Überblick über die Museumslandschaft zu verschaffen. Keine falschen Illusionen über neue Besuchergruppen hegt auch Christian von Holst, ehemaliger Direktor der Staatsgalerie Stuttgart. Vor einigen Jahren, so der inzischen pensionierte Museumschef, habe man bei einer Museumsnacht in der Staatsgalerie Freikarten verteilt:
"Von denen ist nicht eine eingelöst worden!" Zudem erfordert so eine Veranstaltung hohen organisatorischen Aufwand, zusätzliche Kosten für Werbung, Wachleute und Strom. Für das Personal steigt der Stress, besonders wegen der erhöhten Angst um das Wohl der wertvollen Exponate.
Schießlich gab es sie schon, jene Zwischenfälle, die jeder Museumschef fürchtet: So wurde im Frühjahr 2006 im Trubel der "langen Nacht" ein Gemälde von Carl Spitzweg aus der Mannheimer Kunsthalle entwendet. Und in der Hamburger Kunsthalle klaute ein dreister Dieb 2002 eine Plastik von Alberto Giacometti.
Trotz solcher Pannen mag niemand öffentlich am Party-Dogma rütteln. Im Gegenteil: In ganz Deutschland gelten Museumsnächte mittlerweile als Wundermittel des zeitgemäßen Kulturmanagements.
"Neue Wege zu gehen heißt nicht, die bewährten zu verlassen, und es ist doch wundervoll, wenn eine so chaotische Stadt wie Köln es schafft, so vielen Menschen die ganze Vielfalt seiner Museen zu präsentieren", meint etwa Kasper König, Direktor des Kölner Museums Ludwig.
Auch sein Frankfurter Kollege Max Hollein, Chef des Städel- Museums, der Schirn-Kunsthalle und des Liebighauses, möchte diese Art der Kommunikation mit dem Publikum nicht mehr missen: "Das ist eine Riesenchance für die Museen, ihre Besucher kennen zu lernen. Die Leute, die an der 'langen Nacht' in ein Museum kommen, sind für das Haus genauso valide wie andere Besuchergruppen." Es sei ja auch nicht notwendig, an einem solchen Abend allen Menschen die kunsthistorische Evolution zu erläutern, sagt Hollein - ein Museum biete "verschiedene Schichten der Inhaltlichkeit".
Auch in Berlin scheint die "Kreativpause" überwunden. Am 25. August lädt die Stadt zum großen Jubiläum: "Zehn Jahre lange Nacht der Museen". Um die Kosten von 500 000 Euro (ohne öffentliche Zuschüsse) nicht zu sprengen, setzt Moritz van Dülmen, Geschäftsführer der Kulturprojekte, verstärkt auf wenige Schwerpunktveranstaltungen.
Auch will er nah beieinander liegende Häuser als "Cluster" definieren und gemeinsam bewerben.
Mit solchen Maßnahmen soll der Fortbestand der Musumsnächte in Berlin gesichert werden, schließlich seien sie ja inzwischen so etwas wie "ein kulturelles Grundnahrungsmittel."
Internet: www.lange-nacht-der-museen.de
Besucherschlangen zu später Stunde vor der Alten Nationalgalerie: Zur letzten Berliner Museumsnacht kamen rund 190 000 Menschen
Max Hollein:
"Riesenchance für Museen"
Kasper König:
"Ganze Vielfalt präsentieren"
