Ausgabe: 08 / 2007
Seite: 113
Warum keine Tunnellösung?
Von Susanne Altmann
Weltkulturerbe: Streit um Brückenprojekt im Elbtal geht weiter
Mit einem erneuten Ideenwettbewerb für die viel umstrittene Brücke am Waldschlösschen versucht man in Dresden die mögliche Aberkennung des UNESCO-Titels Weltkulturerbe zu verhindern (art 2/2006). Kürzlich wurden dazu Entwürfe vorgestellt, die sich dezenter in das Panorama des Elbtals einfügen sollen. Architekt Volk win Marg gehörte zu den Eingeladenen des Wettbewerbs. Er lehnte nicht nur die Teilnahme ab, sondern kritisierte das gesamte Verfahren. art-Korrespondentin sprach mit ihm.
Warum haben Sie die Einladung zu dem Wettbewerb abgelehnt?
Da ich 1997 Juryvorsitzender des ersten Preisgerichts war, fühle ich mich befangen. Das ist ein Akt beruflicher Hygiene. Außerdem gibt es wieder den gleichen Zielkonflikt wie damals. Ich begreife nicht, wieso niemals eine Tunnellösung diskutiert wurde. Jede Brücke stört das Elbtal.
Ist ein Tunnel machbar?
Es gibt seit Jahren bewährte technische Mittel, Flüsse mit einem Tunnel zu unterqueren. Das haben die Hamburger Elbtunnel gezeigt. Auch für Dresden liegen solche Planungen vor.
Die neuen Brückenideen ihrer Kollegen zeigen sich in den Simulationen fast unsichtbar. Ist eine derart diskrete Flussquerung in der Praxis realistisch?
Es ist nur allzu menschlich, den Wunsch, eine Tarnkappenbrücke zu bauen, zu visualisieren. Es wird gezeigt, was die Leute sehen wollen, nicht, was sie sehen werden.
Aus der Horizontalen betrachtet, ist die Brücke am dünnsten. Sieht man sie von oben oder unten, so wird sie ein mächtiges Band. Außerdem kommt Akustik in den Simulationen nicht vor. Als Lärmquelle wird der Verkehr die Auenlandschaft beherrschen. Selbst gläserne Lärmschutzwände kann man nicht unsichtbar machen, da sie besprüht werden.
Nun gibt es aber einen Bürgerentscheid für eine Brücke.
Die Bürger wurden mit einer manipulierten Frage hinters Licht geführt. Ihnen wurde unterschlagen, dass alternativ zur Überbrückung auch eine Untertunnelung der Elbe möglich ist. Wenn der Dresdener Stadtrat nicht ein weitergehendes Volksbegehren zur Frage Brücke oder Tunnel in Gang setzt, demonstriert er die Missachtung der UNESCO. Schade für Dresden.
Nach einem Gerichtsbeschluss in Karlsruhe müssen jetzt aber die Aufträge für die Anschlussstellen einer Brücke vergeben werden. Hat eine unversehrte Elbaue noch eine Chance?
Ja, soweit ich weiß, hat Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee erklärt, er fühle sich im Sinne des UNESCO-Beschlusses an internationales Recht gebunden.
In diesem Sinne will er die Bundeszuschüsse nicht für eine Brücke geben. Er hat signalisiert, dass er einen möglichen Differenzbetrag für den Bau eines Tunnels zahlen würde.
Neue Entwürfe für die Waldschlösschenbrücke (Simulationen): Ganz oben der von der Stadt favorisierte Entwurf des Stuttgarter Büros Schlaich Bergermann und Partner. In der Mitte der Vorschlag von Werner Sobek (Stuttgart), darunter der Entwurf von Leonhardt, Andrä und Partner (Dresden)
Volkwin Marg
Zu mächtig: der alte Entwurf des Berliner Architektenbüros Henry Ripke für die Waldschlösschenbrücke bei Dresden (Simulation)
