Ausgabe: 07 / 2007
Seite: 153
Erst Möbelpacker, dann der Kaiser
Von Boris Hohmeyer
Ansichten des Alltags: ein mächtiger Bildband mit Berlin-Fotografien aus 150 Jahren BUCH DES MONATS
Vom Text dieses Buchs kann hier nicht die Rede sein, zumindest nicht von den längeren Kapiteln: Sie sind auf metallisch blauem Grund kaum zu entziffern. Also liest der Leser nicht, sondern sieht sich die Bilder an, viele Hundert Aufnahmen von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Fußball- WM 2006, Werke berühmter Fotografen und anonymer Schnappschützen. Daran hat er Freude.
Leicht kann ein Berlin-Bildband zur Prominentengalerie entgleisen, so viele Künstler und Schauspieler, Politiker und Mörder haben hier gelebt. Doch es geschieht eher das Gegenteil.
Bevor auf Seite 59 als erste bekannte Gestalt Wilhelm II. auftaucht - fast beiläufig in einem Pulk von Uniformierten -, ist man schon Möbelpackern und Fischhändlern begegnet, Droschkenkutschern und Straßenkindern. Auch Marlene Dietrich, Herbert von Karajan, Willy Brandt erscheinen bloß als Nebenfiguren einer Stadt, "wo so viele da sind, dass keiner mehr da ist" (Kurt Tucholsky, zitiert, aber nicht abgebildet).
Die Fotos aus dem Alltag oder doch von unbekannten, wenngleich posierenden Menschen, die stillen Stadtlandschaften und die Massenszenen, sie alle sind unbedingt sehenswert.
Ein leichtes Unbehagen bleibt dennoch - vielleicht, weil vor allem das erste Drittel des Bandes eine Spur zu eingängig ist und die Kommentare weder das "Zille-Milljöh" aussparen noch die kesse Göre. Das bedient jene klischeefrohe Berlin-Nostalgie, die ihr Stadtschloss wiederhaben will und die Goldenen Zwanziger gleich dazu. Aber so ein dreisprachiges Buch ist ja nicht in erster Linie für Berliner gedacht.
Ausgelassene Stimmung in Berliner Unterhaltungslokalen:
Standbild aus dem UFA-Stummfilm "Varieté" (1925)
Hans Christian Adam: Berlin. Porträt einer Stadt.
Taschen Verlag. 672 S., über 800 Abb., Text in Deutsch, Englisch, Französisch, 49,99 Euro
