Ausgabe: 07 / 2007
Seite: 99
Rauhbeiniges Volk mit Sinn für Kunst
Von Kito Nedo
Die Schätze der nomadischen Stämme aus den eurasischen Steppengebieten BERLIN: IM ZEICHEN DES GOLDENEN GREIFEN. KÖNIGSGRÄBER DER SKYTHEN
Der antiken Welt galten sie als Barbaren: die nomadischen Skythenstämme, die im ersten vorchristlichen Jahrtausend die eurasischen Steppengebiete zwischen Donau und Don bevölkerten. Weil sie nicht sesshaft waren und keine eigenen schriftlichen Zeugnisse hinterließen, fristeten sie und ihre umherziehenden Brudervölker wie die Sauromaten oder die Saken, deren Radius sich über das heutige Sibirien bis in die Mongolei erstreckte, bislang nur ein Schattendasein in den Geschichtsbüchern der Neuzeit. Einzig in den überlieferten Schriften des griechischen Geschichtsschreibers Herodot aus dem fünften Jahrhundert vor Christus blieben die trinkfesten wie kriegerischen Skythen lebendig.
Dort fragt der Gelehrte gleichsam verächtlich wie respektvoll: "Muss nicht ein Volk unüberwindlich und unnahbar sein, das weder Städte noch Burgen baut, seine Häuser mit sich führt, Pfeile vom Pferd herabschießt, nicht vom Ackerbau, sondern von der Viehzucht lebt und auf Wagen wohnt?" Die Griechen, so heißt es, trieben mit den benachbarten Skythen nicht nur lebhaften Handel - Sklaven und Getreide gegen Luxusgeschirr, Wein, Öle und Salben - sondern heuerten die furchtlosen Kämpfer und treffsicheren Bogenschützen auch gern für Polizei- und Söldnerdienste an.
Dennoch blieb das rauhbeinige Reitervolk seinen antiken Zeitgenossen wie auch den folgenden Generationen seltsam fremd. Erst seit den neunziger Jahren des letzten Jahrtausends begann sich der Nebel um die antiken Nomaden immer mehr zu lichten. Kunstvoll tätowierte Mumien aus dem Altai-Gebirge oder die archäologisch korrekte Öffnung noch nicht ausgeräuberter Prunkgräber der skythischen Herrscher, die nicht nur viel Goldschmuck, sondern auch ihre Pferde, ihre Geliebten und den Hofstaat mit ins Jenseits nahmen, sorgten weltweit für Schlagzeilen. Zuletzt förderte etwa eine gemeinsame Grabungsexpedition des Deutschen Archäologischen Instituts in Berlin (DAI) und der Eremitage in St.
Petersburg zwischen 2000 und 2003 nahe Arzhan im so genannten "Tal der Könige" an der russisch-mongolischen Grenze einen mehrere Tausend Stücke umfassenden Goldfund zutage. Die Ergebnisse der aktuellen Skythenforschung werden nun erstmals mit vielen Leihgaben deutscher, russischer, iranischer, kasachischer, rumänischer, ungarischer und ukrainischer Museen und Institutionen in der großen Ausstellung im Berliner Martin-Gropius- Bau präsentiert und dürften bei ihren Betrachtern für Schauer des Schreckens und des Staunens sorgen. Termine: 6. Juli bis 1. Oktober. Weitere Stationen:
München, Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, 26.
Oktober 2007 bis 27. Januar 2008; Hamburg, Museum für Kunst und Gewerbe, 15. Februar bis 25. Mai 2008 Katalog: Prestel Verlag. 49,95 Euro.
Internet: www.gropiusbau.de
