Ausgabe: 07 / 2007
Seite: 80-84
Lust am Widerstand
Von Till Briegleb
Trisha Brown hat den modernen Tanz revolutioniert. Die New Yorker Choreografin arbeitet immer wieder an den Schnittstellen zwischen bildender und darstellender Kunst - auch in Kassel, wo sie zwei Live- Performances zeigt. Besuch bei einer radikalen Erneuerin
Trisha Brown hat ein Problem: Niemand lädt sie zu einer Party ein, wo getanzt wird. "Weil ich angeblich so eine große Bedeutung für die Geschichte des postmodernen Tanzes habe, werden die Menschen ehrfürchtig und schließen mich damit aus. Dabei liebe ich es doch zu tanzen." Die New Yorker Choreografin lacht über diese Absurdität, aber die bittere Seite des großen Ruhms, nach dem sie sich immer gesehnt hat, berührt sie doch sichtlich.
Mit der Einladung von Roger M. Buergel und Ruth Noack, auf der Documenta einen der zentralen Räume des Fridericianums zu bespielen, mit ihrem Erfolg als Opernregisseurin und Chefin einer weltweit tourenden Tanzkompagnie fühlt sie sich zwar endlich als Künstlerin wirklich anerkannt.
Aber der Weg dorthin war hart. Brown macht mit der Hand eine elegante Wellenbewegung mit sehr tiefen Tälern, die direkt aus einer ihrer abstrakten Choreografien stammen könnte, um zu demonstrieren, wie lang und beschwerlich er war. Und einige der Früchte des Erfolgs kann Brown nun nicht mehr wirklich genießen.
Zum Beispiel die große Nachfrage nach ihrer Person und Arbeit. Denn die Begründerin der getanzten Version der Minimal Art ist mittlerweile 71, sehnt sich nach ihren vier Enkelkindern auf Hawaii und etwas Ruhe daheim in New York. Statt dessen reist sie quer durch Europa, um in Paris und Schwetzingen ihre Inszenierung der Oper "Kälte" von Salvatore Sciarrino zu zeigen oder die Wiederaufnahme ihrer Inszenierung von Claudio Monterverdis "L'Orfeo" in Aix-en-Provence zu betreuen, mit der sie 1998 ihren Durchbruch als Regisseurin hatte.
Oder um in Kassel eines der drei Leitmotive "Ist die Moderne unsere Antike?" mit zwei ihrer Choreografien aus den siebziger Jahren zu illustrieren.
Und ab und zu entwickelt sie auch noch neue Tanzformate, etwa indem sie ihre Kompagnie mit einem grafischen Computer verschaltet, der mit Laserlicht eine eigenständige Zeichenchoreografie auf einem Gazevorhang beisteuert, oder wenn sie in dem Stück "I Love My Robots" zusammen mit zwei schwingenden Pappröhren auf fahrbaren Podesten tanzt.
Trisha Brown ist eine Person von beeindruckender Agilität. Sie hat die Stimme einer jungen Frau, eine fast knabenhafte Figur, und sie bewegt sich in eng anliegenden Kleidern mit sportlicher Eleganz. Doch bei den Proben zu "Kälte" in den Depots der Pariser Oper sitzt sie mit angezogenen Beinen auf dem Stuhl, den Kopf auf den Knien, als sei sie eine Elevin beim Warten auf den Einsatz. Dabei ist sie die Regisseurin und Erfinderin dieser feinen und schüchternen Choreografie der Gesten und Blicke, mit der eine japanische Liebesgeschichte aus dem Jahr 1003 erzählt wird. Nur macht sie darum kein großes Brimborium. Denn Trisha Brown ist selbst schüchtern und fein und schöpft daraus ihre Kraft.
Das war schon zu Beginn ihrer Karriere Mitte der sechziger Jahre so, als die in Modern Dance geschulte Tänzerin zu der Künstlerszene in So- Ho stieß, eine leer stehende Etage von der Größe eines Football-Feldes anmietete und dort die Abkehr von der akademischen Tanztradition probte. Über ihre Arbeit knüpfte die stille Frau, die in der Kleinstadt Aberdeen im Bundesstaat Washington aufgewachsen ist, ihre Bekanntschaften in der experimentierfreudigen Kunstgemeinde New Yorks. Robert Rauschenberg, ihren lebenslangen Freund und Ratgeber, lernte sie als Telefonistin in Merce Cunninghams Tanzstudio kennen, Donald Judds Frau nahm bei ihr Unterricht, im Parterre ihres Hauses arbeiteten der Theaterregisseur Richard Foreman und der Filmkünstler Jonas Mekas. "Das waren die goldenen Jahre", sagt Trisha Brown: "Alles wurde hinterfragt, und so wurde jede Arbeit radikal, ein Manifest. Die einzigen", fügt sie lachend hinzu, "die Angst vor Veränderungen hatten, waren die Tänzer." Trisha Brown brach mit allen Konventionen des expressiven Tanzes und entwickelte ein abstraktes Bewegungsrepertoire ohne Pathos. "Struktur ist mein Baby", sagt sie heute zum Leitmotiv ihrer Kunst. Sie begann Parks, Galerien und Plätze zu betanzen, ließ einen Mann an einem Seil eine Fassade in der Wooster-Street hinabschreiten oder inszenierte eine Stille-Post- Choreografie über zwölf Dächer von SoHo. Auch die zwei Arbeiten, die Trisha Brown täglich wechselnd auf der Documenta zeigt, stammen aus dieser frühen Phase. "Floor of the Forest" von 1970 besteht aus einem Stahlgerüst mit einem Raster aus Seilen und Kleidungs stücken. Die Tänzer bewegen sich über die Installation, schlüpfen in komplizierten Bewegungen in die Hosen und Jacken und hängen schließlich erschöpft im Gerüst.
"Accumulation", die zweite Arbeit, besteht aus einer Folge von 28 Gesten, die von zwölf Tänzern ausgeführt werden.
Dabei bilden sie ein Störfeld gegen die Besucherströme, denn jeder, der die Kunst werke im ersten Stock des Fridericianums sehen will, muss sich zunächst durch die Choreografie schlängeln. Die Lust am Widerständigen ist Trisha Brown bis heute geblieben.
Mehr als andere Choreografen prädestiniert ihre lebenslange Zusammenarbeit mit Künstlern Trisha Brown zur Teilnahme an der Documenta. Vor allem, als sie in den Siebzigern zur Bühne zurückkehrte, suchte sie die Nähe zu anderen Disziplinen. Rauschenberg und Judd entwickelten Ausstattungen für sie, Jonathan Demme ("Das Schweigen der Lämmer") filmte ihre Arbeiten, mit Lina Wertmüller inszenierte sie "Carmen", Laurie Anderson schrieb ihr Musik. Und schließlich wechselte Brown selbst das Fach. Mit Kreidestiften zwischen Fingern und Zehen choreografierte sie Bewegungen auf Papier liegend und begann zu zeichnen. Auch diese feinen abstrakten Bewegungsstudien wer den in Kassel gezeigt.
In ihrer uneitlen Art bezeichnet Brown ihre ersten drei Jahrzehnte emsiger Kreativität lediglich als "Lehrzeit" für ihren großen Traum, Opern zu inszenieren, der sich 1998 erfüllte.
Mit ihrer "L'Orfeo"-Regie in Brüssel, bei der sie den Sängern würdevolle tänzerische Bewegungen beibrachte, die sie mit ihrer Kompagnie in einen abstrakten Ausdruckstanz erweiterte, fand sie die Öffnung ins Erzählerische und Emotionale, etwas, das ihrer Konzeptchoreografie bis dahin fehlte.
Trotzdem blieb ihre Bewegungsarbeit auch mit Sängern analytisch und kontrolliert.
Die Expressivität, gegen die sie in den Sechzigern ihre Handschrift entwickelte, entspricht einfach nicht ihrer Liebe zur Struktur. Allerdings ist das noch immer kein hinreichender Grund, sie nicht endlich auf eine wilde Party mitzunehmen.
Literatur: Hendel Teicher: Trisha Brown:
Dance And Art in Dialogue, 1961-2001, Addison Gallery of American Art
Sportlich: Szene aus Trisha Browns Stück "Present Tense" (2003)
Gefragt wie nie: Modern Dance-Ikone Trisha Brown
Brown gilt als Erfinderin der Minimal Art des Tanzes
Brown und Lance Gries 1987 in "Set and Reset", Kostüme: Robert Rauschenberg
Abkehr vom akademischen Tanz: "Groove Line" (2006)
Browns frühes Stück "Floor of the Forest" (1970) wird in Kassel wieder aufgeführt
Ihre Ratgeber waren auch Künstler wie Rauschenberg und Judd
Über den Dächern von New York: Trisha Brown in ihrem "Roof Piece" (1973)
