Ausgabe: 07 / 2007
Seite: 92-93
Honigpumpe statt Heldensaal
Von Alfred Nemeczek
Es war das erste Museum auf dem europäischen Kontinent. Im Krieg schwer beschädigt, wurde das Fridericianum zum Documenta-Wahrzeichen. Heute ist seine Rolle offen
Der so genannte Documenta- Mythos, die Mär von der plötzlichen Entstehung einer Weltkunstschau aus den Trümmern einer demolierten hessischen Provinzstadt, rankt sich um eine Person und ein historisches Bauwerk.
Als Gründervater gilt Arnold Bode (1900 bis 1977). Dieser ideenreiche Kasseler Maler und Kunstprofessor kehrte 1946 aus der Kriegsgefangenschaft an seinen kaputten Geburtsort zurück, entdeckte "ein leeres Gemäuer" und füllte es 1955 derart überzeugend mit einer exemplarischen Ausstellung von 670 Kunstwerken der europäischen Moderne, dass 130 000 Besucher jäh hingerissen waren. "Wir sahen das Museum Fridericianum", resümierte Bode 1972, "wir sahen es wie in einem Spiegel, wie eine Documenta aussehen könnte." Das "leere Gemäuer" am Kasseler Friedrichsplatz, für dessen Wiederbelebung Bode sich erfolgreich eingesetzt hatte, war allererste Wahl - ein Relikt von strenger Anmut und geadelt von einem speziellen Nimbus:
Denn das 1779 vom Kasseler Hofbaumeister Simon Louis du Ry im Stil des Frühklassizismus vollendete (und schon 1941 bei einem Luftangriff zerstörte)
Gebäude gilt nicht nur als beste Arbeit des französischen Architekten.
Es war auch der erste für das Volk zugängliche Museumsbau auf dem europäischen Kontinent.
Errichten ließ das nach ihm benannte Fridericianum der kunstsinnige Landgraf Friedrich II. (1720 bis 1785), ein Merkantilist und Mann der Aufklärung, dessen immenser Bau fleiß Kassel zur seinerzeit elegantesten deutschen Residenzstadt erhob. Und dem Historiker bis heute verargen, dass er seine Stadtverschönerung mit dem Verkauf von rund 12 000 Untertanen finanzierte, die als englische Söldner in Nordamerika bluten mussten.
Als Friedrichs größter Fan unter den bislang acht Documenta-Machern erwies sich 1982 der Niederländer Rudi Fuchs. Ihm imponierte am Fridericianum vor allem das erhabene Flair. Solide sollte seine Documenta 7 wirken und im besten Sinne museal. Folglich griff Fuchs nicht nur nachts eigenhändig zum Pinsel, um bei Bedarf die weißen Wände nachzutünchen. Er setzte Friedrichs Standbild auf die Documenta- Plakate. Eigentlich ein Unding.
Denn Fuchs war der erste Leidtragende eines Umbaus, durch den ab 1979 (also nach der Documenta 6) das Innere des Fridericianums einschneidend verändert und für rund 50 Millionen Mark allmählich "zu Tode restauriert" wurde, wie der Fuchs-Vorgänger Manfred Schneckenburger kritisierte.
Abgerissen wurde dabei die großzügige Haupttreppe in der Zentral- Rotunde des Mitteltrakts, in deren Schacht noch 1977, bei Schneckenburgers Documenta 6, die "Honigpumpe am Arbeitsplatz" von Joseph Beuys der Ausstellung symbolisch ihre Pulsfrequenz vorgegeben hatte. Zwei mickrige Ersatztreppen erschweren seit her die Besucherführung so sehr, dass Schneckenburger, der 1987 auch der Documenta 8 vorstand, seine Gäste zum Rundgang über den Hinterhof schicken musste.
Um alle Wirkung gebracht durch Teilung und Einbau einer zweiten Museumsetage wurde schließlich auch der riesige "Heldensaal" im ersten Stock. Seiner Höhe von mehr als acht Metern verdankte Bode 1964, bei der Documenta 3, seine spektakuläre Staffelmontage von drei je vier mal vier Meter großen Bildern des Malers Ernst Wilhelm Nay hoch über den Köpfen der Besucher. Als Letzter profitierte 1972 der Schweizer Harald Szeemann (1933 bis 2005) bei der Documenta 5 von den XXL-Dimensionen der großen Halle. Er parkte darin ein 27 Meter langes und (mit Korb) acht Meter hohes Luftschiff des belgischen Utopie-Designers Panamarenko. Für solche Bravourakte wäre heute kein Platz mehr.
Der rigorose Umbau hatte übrigens weder künstlerische noch primär konservatorische Gründe. Vielmehr wollte das Land Hessen als Eigentümer des Fridericianums die Documenta aus dem Gebäude verbannen und darin auf Dauer ein Technikmuseum installieren. Als die Stadt Kassel und der internationale Kunstbetrieb dagegen opponierten, beschloss das Land die Teilung in einen Technikmuseums- und einen Ausstellungsbereich.
Doch gegen diesen faulen Kompromiss wandten sich 1983 außer Schneckenburger und Szeemann auch alle Kandidaten, die für die Leitung der bevorstehenden Documenta 8 in Frage kamen. Sie machten ihre Bewerbung davon abhängig, das Fridericianum "in seiner derzeitigen Beschaffenheit ohne Einschränkung" vorzufinden.
Das wirkte. Die Landesregierung installierte ihr Technikmuseum nicht im Fridericianum, sondern im Orangerieschloss der Karlsaue, das dadurch der Documenta als Schauplatz verloren ging. Dafür entstand zwischen Friedrichsplatz und Karlsaue die Documenta- Halle. Und das zwar für die Documenta gerettete, aber baulich bereits auf Teilung gepolte Fridericianum wurde ab 1988 zu einer Ausstellungshalle für zeitgenössische Kunst mit eingeschränktem Hausrecht für ihre Kuratoren: In den Jahren mit Documenta mussten sie pausieren.
Vorerst letzter Chef der Kunsthalle Fridericianum war René Block, der sich jetzt nach neun Jahren erfolgreicher Arbeit von Kassel verabschiedet hat. Da seine noch ungeklärte Nachfolge mit Plänen des Landes für eine umfassende Neuordnung der Kasseler Museumslandschaft zusammen trifft, wird wohl nach der Documumenta 12 auch die Frage nach der künftigen Zwischen- oder Dauernutzung des Fridericianums wieder aktuell.
Genährt werden solche Überlegungen von einem deutlich erkennbaren Desinteresse heutiger Documenta-Macher am Schauplatz Fridericianum. Er bildet nicht mehr unbedingt das Zentrum ihrer Ausstellungsstrategie. Jan Hoet (Documenta 9, 1992) war der Letzte, der die Eingangshalle mit einer wichtigen Video-Installation (Bruce Naumans "Anthro-Socio") programmatisch inszenierte und das Haus mit soliden Novitäten füllte - von Francis Bacon bis Louise Bourgeois. Catherine David (Documenta 10), die vom Inszenieren ohnehin nichts hielt, ließ 1997 das Foyer fast leer, und ihr Nachfolger Okwui Enwezor konzentrierte 2002 die Highlights seiner 11. Documenta in der einstigen Binding-Brauerei am Fuldafluss. Auch Roger M.
Buer gel, der jetzt den Platzbedarf seiner Documenta 12 mit einem Pavillon in Leichtbauweise deckt (siehe Bericht Seite 86), geht auf Distanz zum Fridericianum.
Er will dort weder Wände ein ziehen noch Fenster verhängen.
Das stolze Museum Fridericianum - ist es für die Documenta nur noch kostbarer Nebenschauplatz? Man wird sehen.
D5, 1972: "The Aeromodeller" von Panamarenko in der großen Halle
Wiedergeburt: das Museum Fridericianum 1955 während der ersten Documenta
D6, 1977: Beuys' "Honigpumpe am Arbeitsplatz"
D8, 1987: Hans Haackes polemische Installation "Kontinuität" sorgt in der Rotunde für Furore
D12, 2007: In der Rotunde wurde eine neue temporäre Treppe eingebaut
Heutige Documenta-Macher zeigen deutliches Desinteresse am Museum
